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Montag, 31. Januar 2011

TRON: LEGACY


Disney setzt nach fast 30 Jahren einen seiner kultigsten Flops fort. Das technische Update tut dem Film dabei überaus gut, doch inhaltlich bewegt sich nichts.

Kevin Flynns 27-jähriger Sohn Sam ist auf der Suche nach seinem Vater, den er nur noch dunkel aus Kindheitserinnerungen kennt. Als er eines Tages einem Signal aus dem alten Büro seines Vaters nachgeht, wird der junge Rebell plötzlich selbst Teil der Computerwelt, in die sich sein Erzeuger schon vor Jahrzehnten geflüchtet hat. Diesmal ist es Sam Flynn, der sich in einer Welt zurechtfinden muss, die er allemal aus einem Spielautomaten kennt. Allerdings bedeutet ein Game Over in der digitalen Welt, auch das endgültige Aus für den Spieler selbst.

Die erste Frage, die mir beim Abspann von "Tron: Legacy" in den Kopf schoss, war: "Was haben die fünf Typen gemacht, die sich die Story ausgedacht haben?" Sie haben den Film praktisch kaputt gemacht. Nicht, dass ich bei dem Film eine tiefgehende Handlung erwartet hätte, aber das was uns "Tron: Legacy" präsentiert, ist weder Fisch noch Fleisch. Eigentlich gab es doch nur zwei Möglichkeiten. Entweder, ich setze mich möglichst halbwegs ernsthaft mit meinem Thema auseinander, so wie das "Tron" getan hat, oder ich vertraue auf fast 30 Jahre Computer-Entwicklung und lass einen Optik-Porno vom Stapel, der sich gewaschen hat.

Joseph Kosinski und Autoren entscheiden sich irgendwie für den lausigen Mittelweg. Statt der Vision einer digitalisierten Welt, liefert uns der Film einen Fantasy-Roman in Neon-Optik, so belanglos wie ironiefrei. Da ist von Völkermord, Auserwählten und Jules Verne die Rede. Das alles wird bierernst durchgekaut und dennoch wirkt es so, als ob die Autoren keinen Bock auf den Film gehabt hätten. Am Anfang traut man sich ja schon ein bisschen augenzwinkernde Kapitalismuskritik, aber eben die ist auch so billig und doof, dass man nur schnellstmöglich in die fröhlich blaue Neon-Mittelerde-Welt will.

Habe ich eigentlich schon die grandiosen Figuren erwähnt? Da gibts den irgendwie rebellischen Helden und die irgendwie unschuldige, aber toughe Prinzessin, dazwischen sitzt Jeff Bridges als alter Guru und irgendwie böse ist dann noch so ein digital restaurierter Jeff Bridges mit nem coolen Mantel, aber ohne Hirn. Wie schon gesagt, brauche ich bei einem Film wie "Tron: Legacy" differenzierte Figuren? Nein, aber wenn schon, dann nur so wenig öde Dialogszenen wie möglich, aber unsere 5 Autoren von der Tankstelle wurden wohl nach Sprechzeilen bezahlt und so gibt es einfach viel zu viele und vorallem viel zu lange lahme Dialoge, inklusive Poesiealbumssprüche. Das nahm selbst der pornösen Optik den Reiz und sorgte im Mittelteil des Films für reichlich Slowdown.

Eigentlich gibt es nur zwei Figuren die den wahren Geist von "Tron" atmen. Das wären zum einen die sirenenhafte Beau Garrett, dessen blonde programme fatale den Film nicht nur visuell enorm aufwertet, sondern auch zeigt, wie man mit wenig Worten schauspielerisch Atmosphäre erzeugt. Dagegen kann Olivia Wilde als einzige weitere Frau nicht konkurrieren. Garrett ist filmisch. Wildes Figur funktionierte vielleicht mal auf dem Papier. Michael Sheen bietet dann den zweiten und letzten Charakter ohne Fremdscham-Potenzial. Sein Zuse ist eine Mischung aus Ziggy Stardust und Jim Carreys Riddler, eben ganz und gar ein Dandy, Spieler und Verräter. Auch hier reicht die Oberfläche vollkommen aus um filmisch zu wirken.

Inhaltlich ist "Tron: Legacy" also wirklich die Gurke, die viele erwartet haben, doch man hätte auch einfach ehrlich sein können und der Handlung so wenig Raum wie möglich einräumen können. Ich hätte mich nie daran gestört, wenn man mir nur einen Effekt-Clip nach dem nächsten durch die Augenhöhlen geblasen hätte, ehrlich gesagt, wäre es genau das, was ich mir von dem Film erhofft hatte. Nun gut, man soll ja nicht über zerbrochene Eier weinen, mal sehen zu was für ein Omelett "Tron: Legacy" dennoch taugt.

Daft Punks Soundtrack erinnert in seinen schwächeren reinen Score-Elementen an die Konserve-Musik eines Hans Zimmers, doch gibt es trotzdem eine Menge Highlights fürs Ohr. Neben dem elektrifizierenden "Derezzed", gefiel mir das "Adagio" besonders gut, das man während des Films leider nur bei einer der vielen lausigen Dialoge säuseln hört. Auch andere überwiegend eletronische Score-Flächen sind überaus passend und atmen den typischen Daft-Punk-Charme.

Natürlich darf man bei einer Kritik zu "Tron: Legacy" die Optik nicht vergessen. Eigentlich hasse ich dieses Wort. Eine Optik ist für mich ein Objektiv, aber in den letzten Jahren steht der Begriff auch öfter für die visuelle Gesamtgestaltung eines Films, was traurigerwiese oft über alles andere gestellt wird. Bei "Tron: Legacy" muss das aber mal so sein und ich werde auch das Wort Optik benutzen. Stil passt nicht, da der Film einfach keinen Stil hat. Dafür ist er zu fahrig und überladen. Dennoch, man bekommt eine formidable Optik geboten. Zwar funktioniert die Gestaltung immer nach dem gleichen Schema -solange irgendwo Neonröhren hängen ist es Tronig- aber das reichte mir vollkommen aus. Der Look ist herrlich retro und ein reiner Designfetisch. Angefangen von Jeffs "2001"-Gedächtnis-Bunker bis hin zu den fliegenden Zügen, die wie Kampfschiffe der Protoss aus "StarCraft II" aussehen. Letztendlich soll alles nur cool aussehen und das gelingt "Tron: Legacy" auch. Selbst 3D macht hier Sinn. Ähnlich wie in "The Wizard of Oz" setzt Kosinski den Effekt erzählerisch ein. Unsere menschliche Welt ist 2D, sobald der Film in die digitale Welt verschwindet, eröffnet er uns die dritte Dimension. Unterm Strich ist das zwar auch nur ein Gimmick, aber schon ein sehr wertvolles.

Um "Tron: Legacy" so gut es geht zu genießen, sollte man sich auf keinen Fall Gedanken über die ausgelassenen Möglichkeiten der Autoren machen. Allein wenn man daran denkt zu was für einem Zeit-Kommentar der Film fähig gewesen wäre, man braucht sich doch nur an die Facebook-Folge bei "South Park" erinnern. Egal, als überlanger Effekt-Porno funktioniert "Tron: Legacy" dennoch. Das wird allerdings nicht im geringsten dem legendären Vorgänger gerecht.

Wertung: 5/10


"Tron: Legacy"

US 2010

Joseph Kosinski

mit Jeff Bridges, Olivia Wilde, Garrett Hedlund

Nur im Kino!


Sonntag, 9. Januar 2011

THE DUELLISTS

Jeder fängt mal klein an. Mit "The Duellists" startete Ridley Scott seine große Karriere und zeigte offen und ehrlich, wer ihn beeinflusste und was ihn auszeichnet.

Ridley Scott gehört ohne Zweifel zu den interessantesten Hollywood-Regisseuren, eben weil er auch ein auteur ist. Seine Filme kann man allerdings schwerlich katalogisieren und thematisch einordnen. Noch stärker als Spielberg hat es Scott darauf angelegt, möglichst viele unterschiedliche Filme zu drehen. Das war schließlich auch der Grund warum er sich für "Alien" entschied. Nach "The Duellists" bot man ihm einen weiteren Kostümfilm an. Er lehnte ab und ging nach Hollywood.

Alle Scott-Filme haben natürlich diesen gewissen Touch, der sich am intensivsten auf der visuellen Ebene entfaltet. Scott hat ein tolles Auge und denkt als Regisseur wie ein Kameramann und Cutter. Über Jahre konnte er in der Werbebranche seine Sinne schulen und inszenierte erst sehr spät sein Kino-Debüt. Scotts Werk ist in seinem Umfang einzigartig, von der romantischen Komödie bis zum Kriegsfilm ist alles dabei. Allein darin findet sich eine thematische Linie, im fröhlichen Genre-Wechsel. Umso verwunderlicher ist, dass seine zwei prestigeträchtigsten Filme im gleichen Genre beheimatet sind. "Alien" und "Blade Runner" waren mehr als Klassiker. Der Erste war ein Meilenstein des New Hollywood. Der Zweite war unverhohlen Scotts "Citizen Kane".

Danach, immer mehr Filme, gebetsmühlenartig graste Scott die verschiedensten Genres ab, doch an seinen 2. und 3. Film kam kein einziger mehr heran. Was blieb war der kommerzielle Erfolg, als letzte Bastion eines Regisseur um für seine Filme Aufmerksamkeit zu erhaschen.
Die 90er sind ein einziges auf und ab. Auf "Thelma und Louise" folgen Filme wie "1492" und "Die Akte Jane", medienwirksame Spektakel und Star-Vehikel. 1992 wird "Blade Runner" als Meisterwerk wiederentdeckt, indem Scott dem Director's Cut seinen wahren Namen gab. Das Jahrzehnt beendete er dann mit einem Film, der sogar seine bisherigen zwei Klassiker zu überschatten droht. "Gladiator" war nicht nur eine exzellente Geldmaschine und die Rehabilitation eines totgeglaubten Genres. Scott bekam den Oscar und mehr Prestige als ihm "Alien" und "Blade Runner" je hätten einbringen können. Sein Name wurde zur Marke, zum Aushängeschild. "Gladiator" beschenkte ihn nicht nur mit Russell Crowe, sondern auch mit einer Kubrick-artigen Immunität.

Ab da wollte sich Scott alles erlauben. Es folgt das unverfilmbare Sequel zu "The Silence of the Lambs". "Hannibal" wird ein Medienereignis. Darauf folgt "Blackhawk Down", beinah ein Kultfilm. "Matchstick Men" ist dagegen winzig und klein. Ein verschrobener, verfilmter Taschenspielertrick. Dennoch, dem Erfolg von "Gladiator" konnte nichts das Wasser reichen. Scott dreht wieder einen Sandalenfilm. "Königreich der Himmel" verfliegt allerdings im Wind. Danach beginnt ein Crowe-Marathon, "Ein gutes Jahr", "American Gangster", "Body of Lies" und "Robin Hood", kein Film wie der andere, das Bindeglied ist einzig Russell Crowe.

Es scheint so, dass Ridley Scott bereits mit einer scheinbar magischen Aura umgeben ist. Ihn kann nichts mehr erschüttern. Er hat alles verdient, was man verdienen kann. So erklärt sich sein fast verbrecherisch ruhiger Habitus in manchen Making-Ofs, mit der dicken Zigarre und seinem genüsslichen britischen Akzent. Doch, so ein Geist kann nicht ruhen und angesichts der zig Projekte an denen Scott parallel zu arbeiten scheint, kann man auch nicht von Altersmüdigkeit sprechen.

Doch was sind eigentlich die Vorbilder von Ridley Scott? Selbst jemand der schon Vorbild für zig andere Regisseure ist, muss sich sein Handwerk bei anderen abgeguckt haben. An "Alien" sehen wir Scotts große Vorliebe für "2001" und Stanley Kubrick, doch das war schließlich sein 2. Film und die Referenz lässt sich auch mehr durch das Genre erklären. Nein, der beste Gradmesser für die Vorbilder eines Regisseurs ist sein Debüt-Film. Hier steckt der Filmemacher meistens alles rein, was ihm lieb und teuer ist. Sieht man Chris Nolans "Following", dann sieht man viel Hitchcock und Godard. Sieht man Tykwers "Die tödliche Maria", dann sieht man Murnau und Cronenberg. Erst im späteren Werksverlauf fügen die Filmemacher ihren Filmen immer mehr eigene Handschrift hinzu, manche früher, manche später, manche leider garnicht.

Ridley Scott gehört definitv nicht dazu, sein visueller Stil ist Handschrift und Marke geworden. Obwohl er aus der Werbung kam, haben seine überästhetisierten Bilder wenig mit Werbung zu tun. Sie sehen wunderschön und poetisch aus, aber sie sehen selten nach Hochglanz aus, jedenfalls in Scotts Anfangstagen. Andere spätere Filme, z.B. "Matchstick Men" arbeiten dann schon mit einer Art Werbeästhetik. Dieses feine Gespür für Kadragen, Licht, Schatten und Farben kann man natürlich nicht einfach so erlernen. Talent gehört immer dazu, aber auch die richtigen Vorlagen sind wichtig. In Scotts Debütfilm sieht man weder Hitchcock, noch Godard. "The Duellists" steht ganz im Zeichen eines anderen großen britischen Filmemachers, bei dem sich Scott wie kein zweiter bediente, Nicolas Roeg.

Als "The Duellists" 1977 ins Kino kam, hatte Roeg seine ganz großen Filme schon hinter sich gebracht. "Performance", "Walkabout", "Don`t Look Now", "The Man who fell to earth", vier absolute Meisterwerke von unendlicher Kinomagie und Schönheit. In "The Duellists" versuchte Scott daran anzuschließen, was ihm nur bedingt gelang. Der Einsatz des Zooms, die Handkamerasequenzen, die möglichst natürliche Lichtführung, die Arbeit mit sichtbaren Lichtquellen, die gedeckte Farbpalette und natürlich die zeitlich ungebundene, teilweise äußerst rasante Montage, all diese Roeg-Charakteristika nutzt Scott auch in seinem Erstlingsfilm, teilweise bis zur Mimikry, manchmal aber auch gelingt ihm der persönliche Touch. Was Scott und Roeg beide gleichfalls auszeichnet, ist Atmosphäre, also die Kunst künslich zu sein ohne künstlich zu wirken. So wie man sich in Venedigs Labyrinth in Roegs "Don't Look Now" verlierte, so wird man in die napoleonische Zeit von Scott "The Duellists" hineingezogen. Atmosphäre kann man nicht aus dem Stehgreif erzeugen. Es ist das perfekte Zusammenspiel von Kamera, Licht, Kostümen, Schauspielern, Set-Design, Requisiten und Schnitt. Das Drehbuch hat meiner Meinung nach eher selten etwas damit zu tun, es kann sogar viel Atmossphäre zerstören. Scotts Film basiert auf einer Geschichte von Joseph Conrad, genannt "The Duel", eine Geschichte mit scheinbar vielen Zeitsprüngen. Vom Aufstieg bis zum Fall Napoleons treffen die beiden Duellanten (richtiges Wort!) immer wieder aufeinander. Dieser Verlauf diktiert auch die Struktur des Films. Mir gefiel diese Art der Erzählung nicht. Anscheinend war sie zu literarisch, keine Ahnung, aber der Atmosphäre hat es eindeutig nicht geholfen. Dennoch gibt einige äußerst herausragende Sequenzen, allein die letzten beiden Duelle sind Zeugnisse von Scotts ganzer Kraft.

Es ist natürlich eine Geschichte über Vernunft und Unvernunft, ein Duell der beiden, ausgetragen durch zwei gegensätzliche Charaktere. Keith Carradine spielt den opportunistischen, rationalen und wohlerzogenen Frauenhelden, während Harvey Keitel, den irrationalen, gewalttätigen und leidenschaftlichen Heißsporn spielt. Letztendlich interessiert sich der Film mehr für Carradines Figur, doch wäre eine gleichgestellte Betrachtung nicht angemessener gewesen? So verkommt Keitels Figur oftmals zum bloßen Villian, den man nach einiger Zeit ebenso lästig findet wie der Held. Nur im letzten Moment, wahrscheinlich beabsichtigt, lässt uns der Film einmal ganz allein mit Keitel. Der Film endet mit einem Caspar-David-Friedrichschem Plagiat, genauso schön wie schauderhaft, ein Moment der Zwielichts, in der Keitel sich umbringen kann oder nicht, erfüllt durch Sinnverlust. Bereits zuvor heißt es schon, er habe diese leeren Augen. Die Nahaufnahme zum Schluss bestätigt das.

"The Duellists" ist ein kraftvoller Debütfilm, mit einem Reichtum an Referenzen, von Roeg bis "Barry Lyndon", und zwei starken Hauptdarstellern, der trotz einiger Drehbuchschwächen keinen Zweifel an den kommenen Großtaten Ridley Scotts aufkommen lässt.

Wertung: 6,5/10


"Die Duellisten"

GB, USA, 1977

Ridley Scott

mit Keith Carradine, Harvey Keitel, Cristina Raines


Auf DVD erhältlich!


Samstag, 8. Januar 2011

TAKEN


In der Flut der Selbstjustizfilme der letzten Jahre, gelingt Pierre Morel mit „Taken“ ein waschechter Vigilante-Film, spannend, brutal und unerbittlich.

Liam Neeson spielt so als hätte man ihn nie in anderen Rollen gesehen. Souverän verkörpert er den Actionhelden als verletzliche Gestalt. Ein Schwarzenegger und Stallone hätten das nicht spielen können, allein von der Statur. Neesons Figur löst seine Probleme mit Intuition, Schnelligkeit und Erfahrung, selten mit Kraft. Den Muskelbepackten Actionstars der Alt-Zeit hätte man den gebrochenen CIA-Agenten im Ruhestand nicht abgekauft. Neeson dagegen ist schlank wie eine Gräte, drahtig möchte man sagen. Sein Gesicht ist verhärmt, schmal und faltig. Ein Besetzungscoup!

"Taken" fällt erstmal gar nicht so auf in der Welle der Selbstjustiz-Filme der letzten Jahre. Seit "Kill Bill" ist Rache wieder tierisch in und leider selten ebenso gut verfilmt worden. Mit "Taken" liefert der französische Kameramann und Action-Regisseur Pierre Morel dagegen einen sehr guten Vigilante-Film ab.

Das ist natürlich alles herrlich fiktiv und ebenso wunderbar konstruiert. Hier ist Amerika das Paradies und Europa eine gefährliche Zone. Da gibt es den reuesüchtigen Vater, der nur Zeit mit seiner Tochter verbringen will. Da ist die unnachsichtige Exfrau, die ihm die vergangenen Entbehrungen nicht verzeihen will und da ist der neue etwas füllige Papa, mit viel Geld und einem Weihnachtsmannbart. Ach ja, und dann sich da noch die Bösen, die Geschäftemacher, die mörderischen Albaner, die opportunistischen Franzosen und wohlhabenden Scheichs.
Abgesehen von Amerikas Sonderstellung, erscheint Morels Film eher wie eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Land als wie eine Diffamierung des selbigen. Vielleicht fehlt ihm auch einfach die nötige Bindung zu den Vereinigten Staaten.

An der Oberfläche ist der Film eine Aufräumsituation gegen Missstände. Eine klare one-against-all Situation in der man niemanden trauen kann, ein simpler Gut-gegen-Böse-Konflikt. Doch eigentlich verhandelt "Taken" den Konflikt zwischen Zivilisation und Kriminalität. In Morels Film ist die Zivilisation mit ihren geregelten Einkommen, Supermärkten und großspurigen Geburtstagsfeiern zwar etwas schützenswertes, aber auch eine Situation des Stillstands, des herum vegetierenden Glücks und der Abwesenheit wichtiger Ziele. Eine Situation mit der Neesons Figur sehr schlecht zurechtkommt, wenn da nicht seine Tochter wäre. Ihn interessieren Grillabende und Geburtstagsfeiern, Popsternchen und Karaoke-Maschinen genauso viel wie wenn in China ein Sack Reis umfällt. Das Leben abseits der Legalität, dass er vorher geführt hat, machte ihn stark, aber auch zerbrechlich und auch im Bezug auf das Kino bietet diese Seite der Welt weitaus interessantere Momente als das normale Leben direkt vor der Haustür. Dementsprechend sind Happy-Ends gar nicht so wünschenswert. Sobald das Ziel erreicht ist, also wenn alle Konflikte gelöst sind, dann wird es schnell langweilig.

Die Zeit zwischen Exposition und Happy-End nutzt „Taken“ formidabel aus. Morel gelingt es durchgängig die Spannung zu halten und lässt seinen Helden wie einen Übermenschen Paris durchflügen. Man muss sich klar sein, dass man es mit einem reinen Unterhaltungs- und Genrefilm zu tun hat, der auf political correctness keine Rücksicht nehmen kann, sonst würde er enorm an Zündkraft einbüßen. Schließlich baut man ein Verhältnis zum Protagonisten auf, Morels Ziel: die komplette Enthüllung oder auch Demontage. Der anfänglich liebenswerte Familienvater wird immer mehr zur unerbittlichen Killermaschine. Schritt für Schritt wird Mills Handeln härter. Sobald er die Frau seines französischen Freundes mit dem Tode bedroht, wird wohl auch der letzte Zuschauer zweifeln, ob das noch alles gerechtfertigt sei. Mills Vorgehen wird, anders als in „24“, nämlich niemals glorifiziert, aber auch ebenso wenig verurteilt, keine Kritik, keine Propaganda, bloßes Handeln, reiner Plot und geradlinige, nüchterne Action. Diese Uneindeutigkeit hält der Film bis kurz vor Schluss durch. Wenn der letzte Bösewicht vernichtet ist und Vater und Tochter sich glücklich in die Arme fallen, kehrt der Film wieder in die Zivilisation zurück. Wir befinden uns praktisch wieder in der Ausgangssituation, als wäre nichts gewesen. Das Schicksal der Tochter ist es, ein Pop-Star zu werden. Dafür opfert der Film noch eine letzte leicht-ironische Szene, ähnlich doppeldeutig wie das Ende von Spielbergs „Krieg der Welten“.

„Taken“ ist in erster Linie Kinetik und somit fulminantes Kino. Liam Neeson ist großartig und auch wenn sich Pierre Morels Kamera etwas zu sehr am unübersichtlichen Action-Kino der Neuzeit anlehnt, seine Montage ist dagegen rasant und pfiffig. Große Innovationen darf man in diesem „Guilty Pleasure“ nicht erwarten, dafür aber viele Überraschungen.

Wertung: 7,5/10


"96 Hours"

USA, FR, 2008

Pierre Morel

mit Liam Neeson, Maggie Grace, Famke Janssen


Auf DVD & Blu-Ray erhältlich!


Dienstag, 2. November 2010

SCOTT PILGRIM VS. THE WORLD


Wenn in den letzten Jahren ein Film mehr wie ein Videospiel wirkte, dann war das peinlich. Wenn sich der Regisseur von „Shaun of the Dead“ an einer Liaison zwischen Kino und Game versucht, dann kommt da was ganz besonderes bei heraus.

Was haben Filme wie die Prequel-Trilogie von „Star Wars“ oder Doug Limans „Jumper“ gemeinsam? Sie alle ähneln in ihrer Dramaturgie dem Level- oder Missionsdesign eines Videospiels. „Jumper“ war dazu noch so schlecht, dass man sich den Film nur als besseres Computerspiel denken konnte. Lucas Filme dagegen trugen noch den ursprünglichen Geist des Blockbuster-Kinos inne und hatten genug Kult-Basis, um nicht vollends filmisch zu versagen, wobei der dritte Teil mit seiner Aneinanderreihung von Endgegner-Kämpfen frappierend wie die Blaupause zum gleichnamigen Videospiel wirkte.

Dass Videospiele einen enormen Einfluss auf das Kino haben, lässt sich nicht mehr leugnen, respektive der umgekehrte Weg. „Alien“ und „Predator“ waren mal ursprünglich Filme, aus denen in den 90er der erfolgreiche Ego-Shooter „Alien vs. Predator“ entstanden ist. Dem Kult der Filme oder der Spiele (so genau kann man das gar nicht mehr sagen) ist es dann zu verdanken gewesen, dass uns Hollywood einen „Alien vs Predator“-Film schenkte. Eine Möbiusschleife? Es passt zur postmodernen Auffassung des Blockbuster-Kinos, was sich ganz dem Recycling verschrieben hat, und seine einst originellen Ideen mit endlosen Reboots, Remakes und Sequels verschandelt.

Dennoch, Hollywood macht das nicht ohne Grund, es geht immer nur ums Geld, in erster Linie und wenn der 10. „Spiderman“ nicht geguckt werden würde, dann würde man sich auch überlegen überhaupt einen 11. zu drehen. Was ist denn z.B. aus den Fortsetzungen der „Dark Materials“-Reihe geworden? „Der goldene Kompass“ wird wohl ohne filmische Zukunft auskommen.

Verwertungsketten sind das A und O geworden. Erfolgreiche Bücher werden verfilmt und dann als Videospiel portiert und dann wird vielleicht irgendwann die Fortsetzung vom Videospiel zum Film zum Buch verfilmt und spätestens zum Kinostart gibt es den Roman dazu. Klingt absurd, aber denken wir doch nochmal an das „Alien vs. Predator“-Beispiel.

Videospiele scheinen allerdings nicht so die Hit-Lieferanten zu sein und mir fällt ehrlich gesagt keine erfolgreiche Videospielverfilmung ein. Gut, „Tomb Raider“ wurde fortgesetzt und „Alien vs. Predator“ auch, aber das liegt ja rückführend an den Urfilmen bzw. die Sequels waren billig. Da rentieren sich ja Kinderspielzeug („Transformers“) und Freizeitparkattraktionen („Pirates of the Caribbean“) sogar mehr.

Doch neben Bestsellern und Küchenutensilien scheint Hollywood seine wahre Goldgrube in Comicverfilmungen gefunden zu haben. Während sie in den 90er noch recht selten waren und Filme wie „Tank Girl“ für leere Portmonees sorgten, fing spätestens mit „X-Men“ die Erfolgswelle an und sie hält bis heute und nachdem man fast jede bekannte Comicreihe auf Zelluloid gebannt hat, ist es in letzter Zeit Mode geworden weniger bekannte Graphic Novels zu verfilmen und sie dem unwissenden Publikum als originäre Ideen unterzujubeln. Die wenigsten wussten doch, dass „Watchmen“, „The Spirit“ und zuletzt „Kick-Ass“ auf Comics beruhen und trotzdem hatten diese Filme Erfolg, während „Super Mario Bros.“ alle seine Leben beim ersten Sprung verlieren musste.

Das Erfolgsrezept bleibt schwammig, besonders wenn man an „Inception“ denkt, der sich einer klaren Vorlage verweigert und an das originelle Hollywood erinnert, ebenso „Avatar“, der zwar nicht originell war, aber wenigstens auf ein „Based on...“ im Vorspann pfeift.

Es ist leidig über die Gewinnchancen eines Films zu sinnieren. Du kannst neu, alt oder erst auf der Hälfte der Verwertungskette sein, manchmal klappt es und mal wieder nicht und im nach hinein wissen wieder alle, was der Grund für den Misserfolg war.

Dass „Scott Pilgrim vs. The World“ so erfolglos startete, kann zum einen an der eng-begrenzten Zielgruppe oder an der grundsätzlichen Weirdness liegen, die bei Edgar Wrights neuem Film aus allen Poren dampft. Dass der Film auf einer Graphic Novel beruht hat ihm jedenfalls nicht geholfen, zumal der Comic hier nur Insidern bekannt sein sollte. Dennoch hat sich Hollywood das erste Mal getraut seine ekelhafte Verwertungsstrategie ordentlich zu reflektieren, denn wer „Scott Pilgrim“ sieht, der sieht nicht nur einen Film, sondern ein Geflecht aus Referenzen, die vom ursprünglichen Comic bis hin zur Videospielgeschichte reicht. Vielleicht war das auch die Crux, wieder diese unbeliebten Videospiele, die im Kino niemand sehen will, während die wenigsten bemerken, dass fast alle großen Produktionen zurzeit der Videospieldramaturgie folgen. Kommt aber ein Film daher, der ganz offen und ehrlich seinen Hintergrund offenbart, dann verweigern die meisten den Kauf der Kinokarte.

Edgar Wright hat jedenfalls alles richtig gemacht. „Scott Pilgrim“ ist sein bisher bester Film und was Wright mit seinen beiden vorherigen Filmen üben konnte, dass reift hier nun endgültig zur Perfektion. Seine Kunst ist weniger Film- als Medienkunst. Er ist ein Wanderer zwischen den Welten, ein Mediator, jemand dem es mühelos gelingt ein Medium ins andere zu übersetzen.

Warum sollte man nicht auch das „Ding Dong“ der Türklingel, eben wie im Comic, typographisch in den Film mit einbinden? Natürlich hört man das echte Geräusch gleichzeitig. Hier küssen sich schließlich zwei Künste und wenn ein Teil der Kritiker solche Dopplungseffekte als puren Selbstzweck abstempelt, dafür aber Godard-Filme ala „Week-End“ lobt, dann haben sie etwas nicht verstanden. Während Godard das Kino mit neuen Formen bereichert und modernisiert hat, gehört Wright nun zu der Generation, die aus dieser Masse an „Regelbrüchen“ schöpft und sie in ihre Filme übersetzt. Es gibt natürlich einen Haufen an Negativ-Beispielen, wo Godards Formen ungenutzt im Raum stehen, „Scott Pilgrim“ gehört aber definitiv nicht dazu, seien es die Texteinblendungen, die selbstreferenzielle Inszenierung oder die Demontage von sämtlichen Realismus.

Beeindruckend bei diesem Potpourri aus Videospiel, Comic und Musikfilm ist der rote Faden, der scheinbar nie aus den Augen gelassen wurde. Hier geht es letztendlich auch nur um die älteste Geschichte der Welt, Junge trifft Mädchen. Wright hatte bereits in seinen letzten Filmen gezeigt, dass er bei all den Gags nicht die Figuren aus den Augen verliert. Die Titelfigur wird hier von Michael Cera gespielt, der mit dem Wort „Nerd“ auf der Stirn wohl bereits schon auf die Welt gekommen zu sein scheint. Allerdings, Scott ist kein Nerd. Er ist ein kleiner Frauenheld und ein Slacker, der durch sein mangelndes Verantwortungsgefühl auch unsympathisch sein kann. Diese feine Besetzung gegen den Strich und Ceras typische Darstellung helfen Scott nicht zum Klischee zu geraten, ebenso Ramona Flowers, Scotts „Love Interest“, gespielt von Elizabeth Winstead, die viele wahrscheinlich noch als heißes Cheerleader-Chick aus Tarantinos „Death Proof“ kennen. Die Rolle der Ramona wirkt weitaus jünger, unreifer und weniger sexy. Winssteads Aura läuft auch hier der Rolle zuwider, was zum gleichen positiven Effekt wie bei Ceras Figur führt.

Die schauspielerischen Leistungen lassen die Liebesgeschichte erst glaubhaft werden und Wright drosselt gezielt da das Tempo seiner ansonsten fabulös-schnellen Inszenierung um der Romanze der Beiden genügend Luft zum Atmen zu lassen. Dass dazu noch der restliche Cast brilliert, soll hier nicht unerwähnt bleiben. Von all den Nebenfiguren, hat mir aber am besten Kieran Culkins Figur gefallen. Scotts bester Freund ist so herrlich lakonisch und ehrlich, dass er Cera teilweise die Show stiehlt.

Unterm Strich ist „Scott Pilgrim“ einer der besten Filme des Jahres, der leider zu wenig gehypet wurde, um kommerziell in der Liga eines „Inception“ zu spielen, obwohl Wright den besseren Film gemacht hat. So einen Film hat es noch nicht gegeben. Er ist wirklich originell und gleichzeitig ein herrlicher Kommentar zu Hollywoods Adaptionsterrorismus. Zugleich ist es auch feuriges Plädoyer zur Rehabilitation der Videospielkunst, die zuletzt dank „WoW“ und „Killerspielen“ öffentlich geächtet wurde. Es wird nochmal an die Ursprünge erinnert, an das NES, Super Mario Bros., Amiga, Atari, C64, Pac-Man, GameBoy, Space Invaders, Dance Dance Revolution, Zelda, Tetris, Pong und viele viele mehr.

Wertung: 8,5/10


"Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt"

USA, 2010

Edgar Wright

mit Michael Cera, Elizabeth Winstead, Jason Schwartzman


Ab ins Kino!


Montag, 2. August 2010

INCEPTION

Chris Nolans Blockbuster entführt den Zuschauer in die alte Welt ohne 3D und Franchises. Das ist zwar erfrischend, aber leider auch nicht neu.

Dank modernster Technologie ist es in naher Zukunft möglich, in Träume und somit in das Unterbewusstsein von Menschen einzusteigen. Das Einsteigen bedeutet mithin auch die Möglichkeit des Stehlens fremder und bisher ureigenster Ideen. Ein Meisterdieb auf dem neuesten Gebiet der Firmenspionage ist Dom Cobb, was ihn nicht nur im positiven Sinn zu einem besonders gefragten Mann macht. Um endlich wieder ein normales Leben führen zu können, muss er nur noch den einen letzten Job erledigen.

Blockbuster aus Hollywood haben ein Ziel. Sie wollen Massen erreichen. Dementsprechend ist der Erfolg eines Blockbusters nichts anderes als die Reflektion des Massengeschmacks. Es ist daher schon fast zynisch oder kulturpessimistisch, dass die grassierende Abwesenheit von Originalität, die Hollywood heutzutage dominiert und sich in endlosen Mustern aus Sequels, Prequels, Reboots, Remakes und Franchises präsentiert, solch kommerziell erfolgreiche Blüten trägt. Dass Kino auch immer schon Ware war, die verkauft werden muss, will keiner bestreiten. Schon zu Urtagen musste man einen Penny einwerfen um auf dem Jahrmarkt die Bilder tanzen zu sehen. Schaut man aber auf die Entwicklung des Massengeschmacks (und welche Genres er beeinflusst hat), so zeichnet sich ein Bild, dass die heutige Zuschauerschaft wie eine Herde Schafe wirken lässt.

Wie so oft scheint früher alles besser gewesen zu sein. Nun gehört es aber zum Verlauf der Geschichte, dass schlechte Ereignisse gerne verdrängt werden. Manchmal ist das gut, meistens eher nicht. Denn zu den wenigen Meilensteinen der Filmgeschichte gesellten sich zur damaligen Zeit ebenso eine Masse von hirnloser Fließbandware, die heute wie vergessen scheint. Logischerweise zeigt ein Blick in die Vergangenheit (je nach Betrachtung) mehr gute Filme als schlechte.

Nun hängt der Überlebensgrad eines guten Films (respektive Meisterwerks) stark vom kommerziellen Erfolg oder der Gönnerschaft einflussreicher Menschen ab. Ein Film kann noch so grandios, persönlich und künstlerisch wertvoll sein, wenn ihn niemand sehen will, gibt es selten eine Perspektive.

Ungerechterweise wird dieses Schicksal wohl viele gute Filme ereilt haben. Deshalb war und sollte es auch im Interesse eines jeden Filmemachers sein, sich auch ein Stück weit die Eigenschaften eines Produzenten anzueignen, damit sein Film auch gesehen wird oder er verzichtet gänzlich auf sein Publikum, was nicht unbedingt einen schlechteren Film bedeutet.

Die großen Blockbuster der Vergangenheit waren oftmals auch Meilensteine der Filmkunst, z.B. „Birth of a nation“, „Wizard of Oz“, „Lawrence of Arabia“ oder „Jaws“. Das waren ungemein erfolgreiche Filme, die genau den Massengeschmack trafen und trotzdem künstlerisch wertvoll waren.

Ein Blick in die Zukunft ist immer spannend. Denn wie werden die Blockbuster unserer Zeit später rezipiert? Wird man „Pirates of the Caribbean“ als Meilenstein bezeichnen? Kommt Michael Bay durch „Transformers“ doch noch zu unverhofften Regie-Ehren und wird in Zukunft mit Eisenstein verglichen? Es ist eindeutig eine spannende Angelegenheit. Welche Filme überleben die Zeit und was ist mehr daran beteiligt, der Erfolg oder das Werk?

Selbst „2001“ wurde zum Release verrissen. Damals sahen nur wenige den Klassiker, der er heute ist. Allerdings wurde Kubricks abnorme Weltraum-Reise von unerwartetem Erfolg gekrönt. Überlebte er nur weil er bis „Star Wars“ der erfolgreichste Sci-Fi-Film war? Das scheint fragwürdig.

Filme können nur durch ihr Publikum überleben, über Generationen hinweg. „Fantasia“ (ein kommerzieller Flop) war bis in die 70er fast komplett vergessen und gelangte nur durch den Release auf VHS zu neuen Ehren. Die damalige Studentenschaft erkannte das enorme Potenzial des Films beim Konsum von LSD. „Fantasia“ wurde so zu Disneys erfolgreichstem Drogenfilm.

Auch nachfolgende Filmemacher-Generationen sind stark am Überleben eines Films beteiligt. „2001“ gilt als Lieblingsfilm der jungen New-Hollywood-Bande (Scorsese, Coppola, Spielberg), die stets Bezug auf ihre Vorbilder nahmen und damit konkret ihren Ruf förderten und ihre Werke bekannter machten. Tarantino macht doch nichts anderes, für ihn ist Kino nur Zeitmaschine. Ginge es nach Tarantino bräuchte man gar keine neuen Filme mehr drehen. Dementsprechend wird man ihn später auch als den Archivar des Kinos begreifen, der er ist.

Schlussendlich, es geht also um Inspiration. Ein Film muss inspirierend sein für nachfolgende Generationen um sein Überleben zu sichern. Wenn ich also möglichst viele Menschen mit meinem Film erreiche und mein Film auch das künstlerische Format hat Menschen zu fesseln und nicht mehr los zu lassen, dann kann ich mich doch beruhigt zurücklehnen und hoffen, dass ich in 1000 Jahren wiedergeboren werde um meinen eigenen Namen in den Filmbüchern lesen zu können.

Ich bin kein Orakel, doch ich wage zu behaupten, dass Christopher Nolan mit „Inception“ eben dies erreicht hat. Jenseits des großen Hypes (der vor allem „The Dark Knight“ zu verdanken ist), sieht man gerade an den Reviews und Publikumsreaktionen, dass hiervon niemand unberührt bleibt. Nolan wirkt wie ein Messias im Dunst der Exkremente, die Hollyood in den letzten Jahren über uns gegossen hat. Er ist kein Messias. Er ist kein Wunderkind (schon lange nicht mehr). Nolan scheint wohl einfach, dass zu machen, was jeder ehrliche Filmemacher tun sollte, nämlich seinen Film zu drehen. Denn bei allem cineastischen Brimborium bleibt „Inception“ angenehm persönlich und zeigt sich als klares Produkt seines Schöpfers.

In Nolans Werk geht es immer um Schöpfung und um das Verirrt-sein seiner Protagonisten. Seine Helden sind immer Reisende. Sie laufen durch Labyrinthe ihrer eigens geschaffenen Hölle. Dabei ist Nolan zudem ein so brillanter Stilist, dass er sich sogar die Mühe macht eben dieses Gefühl der Verirrtheit durch ausgeklügelte Story-Konstruktionen auf den Zuschauer zu übertragen, was seine Filme dazu noch ungemein unterhaltsam macht.

„Following“ handelte von einem ideenlosen Schriftsteller, der mehr Inspiration bekommt als er erwartet hat und letztendlich zum beinah griechischen Helden wird, den die Story des Lebens überlistet. In „Memento“ läuft der Protagonist durch das Labyrinth seiner eigenen Erinnerungen, die er sich mit kleinen Zetteln und Fotografien konserviert hat, da er selbst zur keiner eigenen Erinnerung mehr fähig ist. „Insomnia“ nimmt fast schon seinen neuesten Film ein wenig vorweg und begleitete einen Pacino, der traumwandlerisch der Wahrheit hinterherjagt. „Batman begins“ stellt den gebrochenen Helden wiederum als Schöpfer seines eigenen Schicksals dar. Zur höheren Aufgabe berufen, versucht er seinen Dämonen zu entfliehen, kann sich aber letztendlich nur als Spiegelbild seiner eigenen Ängste manifestieren. „The Prestige“ geht da noch viel weiter und zeigt zwei Männer wie zwei Seiten einer Medaille, die sich mit ihren eigenen Schöpfungen gegenseitig überbieten wollen. Dabei argumentiert Nolan mit seltener Leidenschaft was eine wahre Vision einen Künstler kosten kann. „The Dark Knight“ fügt die Idee des gespaltenen Helden dem Batman-Franchise hinzu und zeigt das Duell zwischen Schurke und Held als verzerrtes Spiegelkabinett.

Mit „Inception“ scheint Nolan nun seinem eigenen Schaffen einen Kommentar hinzuzufügen. Denn der Film liest sich auch als Metapher über den Prozess des Filmemachens. Wie arbeitet die Traumfabrik? Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Sci-Fi-Komponente des Films eher rudimentär wirkt. Die großen technischen Erklärungen lässt Nolan zum Glück aus. Ebenso vermeidet er die Zeichnung einer Utopie. Die Welt in „Inception“ ist die gleiche wie heute. Das Traum-sharing entpuppt sich dementsprechend wirklich als Gang ins Kino.

Man könnte „Inception“ also auch als das aufwendigste Making-Of aller Zeiten lesen. Das Making-Of, was alle Filme gemein haben. Denn all die Regeln die Ariadne zu Beginn des Films erklärt werden wirken wie Umschreibungen vieler Tipps aus bekannten Büchern über das Filmhandwerk.

Der Träumende und seine Projektionen stellen somit das Publikum dar, was überlistet und unterhalten werden möchte ohne dass es merkt, dass es träumt oder dass es einen Film sieht. Nolan gibt hiermit nicht nur Einblick in seine Arbeitsweise, sondern formuliert auch schonungslos den Sinn eines jeden Films. Es geht nicht um Ideendiebstahl, sondern um die Einpflanzung einer Idee. Filme, wie andere Kunstwerke, sollen Ideen vermitteln, die wuchern und gedeihen, Inspiration!

Wirklich neu ist „Inception“ eher nicht und bis auf „Following“ und „Memento“ trifft das auch auf seine anderen Filme zu. Der Reiz seines ganzen Werk ist folglich eher mit dem Reiz eines guten Handwerkers zu vergleichen. Er ist niemand, der auf die Idee kommen würde zur Verbesserung der Stabilität einen Küchentisch um ein Bein zu erweitern, aber er baut den Tisch so als würde er eine Horde Elefanten aushalten.

So ist auch „Inception“ ein handwerkliches Wunderwerk, was besonders auf der dramaturgischen Ebene begeistert und so elegant durch die Geschichte, seine vielen Handlungsfäden und Set-Pieces führt, dass man als Träumender nie auf die Idee kommen würde aufzuwachen.

Dennoch, trotz seines erkennbaren Alleinstellungsmerkmal in der heutigen Filmlandschaft, schwimmt dieses Floß „Inception“ auf einem Meer von Schwächen, was überwiegend dem Mainstream geschuldet ist.

Wie eingangs erwähnt sollte ein jeder Filmemacher auch ein wenig Produzent sein. Nolan verortet seine komplexe Reise durch den Schöpfungsprozess eines Films fest im Unterhaltungskino der heutigen Zeit. „Inception“ wird zum Actionfilm. Nun zeigte sich schon in „The Dark Knight“ Nolans große Schwäche für Action-Szenen. Auch „Inception“ fehlt in den vielen Schießereien einfach der Überblick. Wally Pfisters Kamera klebt mit dem Teleobjektiv an den Gewehren ohne auch nur zu zeigen wer sie bedient und wohin sie schießen.

Zudem raubt diese Action-Komponente dem Film einige seiner besten Einfälle. Während Ariadne in ihrer Trainingsphase noch mit immer aufmüpfiger werdenden Passanten zu kämpfen hatte, was im späteren Heist-Plot eine ungemein dynamische Bedrohlichkeitssteigerung dargestellt hätte, verzichtet Nolan darauf komplett und lässt gleich zu Beginn des Coups die Projektionen mit Gewehren auflaufen.

Eine andere verständliche Schwachstelle ist die erste Stunde des Films, die sich fast ausschließlich mit der Erklärung der Spielregeln auseinandersetzen muss. Nolan hat zwar genug handwerkliches Geschick um sein Tutorial filmisch umzusetzen, aber ohne einseitige Erklärungsmonologe, die sich wie Propaganda anhören, kommt auch „Inception“ nicht aus. Es gilt somit die erste Stunde zu überstehen, hinterher zukommen und alles kapiert zu haben. Denn sobald die titelgebende Inception beginnt, gibt es kein zurück mehr. Gerade in der zweiten Hälfte fesselt und inspiriert der Film, da er vieles dem Zuschauer überlässt und nur noch wenig erklärt.

Die oftmals erwähnten flachen Figuren des Films sind in Nolans Filmen keine Seltenheit und werden durch die ausführlich designten Plots verursacht. Es sind halt nur Nebenfiguren. Denn gerade von Nolans Hauptfiguren kann man nicht behaupten sie seien flach. Oftmals liegt der Schlüssel zur Lösung von Nolans Plots in der Entschlüsselung seiner Helden. Erst mit der Auflösung von Memento bekam Guy Pearces Figur endgültig Tiefe und sein ganzer Konflikt breitete sich vor unseren Augen aus.

„Inception“ blickt auch wieder gezielt auf seinen Helden und vernachlässigt absichtlich den Rest. Das kann man kritisieren, wobei es clever war so talentierte Darsteller wie Page, Murphy, Levitt und Hardy zu besetzen, die allein durch Ausstrahlung ihre Figuren füllen.

Hier geht es eindeutig um Dom Cobb, gespielt von Leonardo DiCaprio, und seine Frau, die von der grandiosen Marion Cottilard verkörpert wird. Wie im sehr ähnlichen „Shutter Island“, spielt DiCaprio auch hier einen gebrochenen Mann mit problematischem Eheleben. Allerdings während DiCaprio in Scorsese Seelentraktat eine ungemeine Bandbreite an emotionalen Facetten abliefern konnte, kommt Cobbs Figur unangenehm angespannt daher. Besonders die vielen Erklärungen im Film verwehren den emotionalen Zugang zur Figur und auch DiCaprio wirkt so als wüsste er nicht ob jetzt sein Erklärungen wichtig sind oder seine Figur.

Marion Cottilard ist dagegen fest mit ihrer Figur verbunden. Nichts erinnert mehr an ihre schwache Frauenrolle in Manns „Public Enemies“ und schon gar nicht an ihre burleske Edith Piaf in „La Vie en Rose“. Nein, Cottilard liefert eine hinreißende Performance als Femme Fatale, die sogar in den größten melodramatischen Szenen berührt und glaubwürdig bleibt. Allein ihre Ausstrahlung bindet alle Blicke. Ja, es gibt Momente, da spielt sie DiCaprio fast an die Wand.

Es sind gerade die Szenen zwischen DiCaprio und Cottilard, die den Film reicher machen. Besonders die letzte Szene der beiden hat mich zutiefst berührt und illustriert Nolans Händchen für Schauspielerei.

Was viele Kritiker an „Inception“ bemängeln ist seine logische Struktur im Bezug auf sein Sujet. Bei einer Story die sich um Träume und die Kraft des Unterbewussten dreht, wirken Nolans Traumwelten wie Level eines Videospiels das klaren Regeln folgt. Es fehlt das Lückenhafte, Unlogische und vorallem Surreale, was das echte Träumen bestimmt.

Diese Schwäche muss sich „Inception“ eingestehen und sie wäre auch viel gravierender, wenn es denn wirklich ums Träumen ginge. Wie gesagt, es geht letztendlich ums Filmemachen, ums Erschaffen von Traumwelten, welche nicht als Träume enttarnt werden wollen und somit den Gesetzen unserer Welt gehorchen.

Ich werde dagegen etwas kritisieren, was viele als große Stärke interpretieren, die Optik des Films. „Inception“ wird ja schon als Kamera-Glanzleistung gefeiert, die neue Wege geht. Wally Pfisters Kamera geht viele Wege, aber keiner ist neu. Die Zeitlupen-Sequenzen und der Schwerelos-Kampf führen nur die Arbeit der Wachowsky-Brüder konsequent fort. Zudem gelingt dem Film kaum eine Einstellung, die etwas mit Poesie zu tun hat. Pfister filmt alles so, wie es schon etliche vor ihm gemacht haben. Seine Bilder vermitteln selten Ideen. Meistens sind dafür die Dialoge und der Schnitt verantwortlich. Auch die Lichtsetzung und Farbpalette sind die gleiche Sülze wie schon bei „The Dark Knight“. Entweder ist alles orange oder blau und das Licht ist meistens eine undefinierbare Schmiere. Einzig und allein „The Prestige“ zeigte ein aufregendes Kamera-Konzept. Warum kann Pfister das nicht wiederholen?

Letztendlich ist „Inception“ dennoch eine Wohltat des Blockbuster-Kinos und der beste Hollywood-Film der letzten Jahre. Die unübersehbaren Schwächen können zwar nicht ignoriert werden, aber Nolans fulminante Inszenierung lässt einen kaum darüber nachdenken.

Obwohl die Thematik der trügerischen Realitäten schon ein alter Hut ist und frühere Filme wie „Matrix“, „ExixtenZ“ und „Welt am Draht“ es bereits besser gemacht haben, gelingt es Nolan dem ganzen sogar noch etwas hinzuzufügen. Er verwertet das Dilemma um Traum und Wirklichkeit zur philosophischen Auseinandersetzung über den Prozess des Filmemachens.

Wir werden sehen, ob Nolan es gelungen ist genügend Menschen zu infizieren und sein Film noch in Zukunft mit staunenden Augen betrachtet wird. Im Angesicht der aktuellen kreativen Flaute Hollywoods, gönnt man „Inception“ einen Eintrag in die Filmgeschichtsbücher. Der Erfolg des Films zeigt schon mal, der Geschmack des Massenpublikums ist noch nicht verloren.

Wertung: 7,5/10


"Inception"

USA, 2010

Christopher Nolan

mit Leonardo DiCaprio, Marion Cottilard, Cillian Murphy


Nur im Kino!


Samstag, 29. Mai 2010

AVATAR



Als ich das erste mal von "Avatar" gehört habe, war ich euphorisch. Nicht nur das Cameron wieder dreht, nein, er dreht sogar einen Sci-Fi-Film, eines meiner Lieblingsgenres. Dazu kam die Ankündigung eines Opus Magnum des 3D-Kinos, einer "Revolution", wie Cameron es selbst beschreibt. Das schürt Erwartungen, die bei 2 Jahren Wartezeit gut gedeihen konnten. Camerons Kino ist wie für Sci-Fi gemacht. Seine besten Arbeiten waren Sci-Fi-Filme ("Aliens", "T2", "Abyss"). Titanic war zwar nicht monumental, aber monumentalistisch, der Versuch eines Hollywood-Groß-Epos der alten Tage für die Millenium-Generation. Alter Inhalt, neue Form, Gigantismus, das Versenken eines echten Schiffes, jeder ging in diesen Film, ich auch, doch im Laufe der Jahre blieb da nicht viel hängen, was erzählenswert oder filmgeschichtlich wichtig wäre, außer vielleicht der Box-Office-Rekord und die Effekte. Den Weg, den Cameron mit "Titanic" einschlug, geht er nun mit "Avatar" konsequent weiter.

Ich habe ja von meiner vorherigen Euphorie geschrieben, die sich steigerte, zu dem erwartete ich von Cameron den ersten wieder richtig guten Sci-Fi-Film seit Jahren, mit einer guten Story versteht sich. Wunder, habe ich nicht erwartet, aber ich weiß, dass er es kann. In "Aliens" hat er der Figur der Ellen Ripley unglaublich viel Tiefe gegeben. Er hat es verstanden Actionkino, Dramaturgie und Figurenentwicklung in Einklang zu bringen. Weaver wurde für ihre Leistung für den Oscar nominiert. Und wieder steigerte sich meine Erwartung als ich hörte, dass die Weaver auch bei "Avatar" mit dabei ist.

Erste Ernüchterung trat ein als ich einen kurzen Abriss der Story las. Schon das las sich wie Öko-Kitsch nach alter Rezeptur, doch ich vertraute auf Camerons Talent als Drehbuchautor und sprach immer wieder zu mir: "Aliens! Aliens! Aliens!"
Der nächste Dämpfer kam mit dem ersten Trailer, wo ja für viele das Grübeln begann. Die Schlümpfe störten mich zwar nicht, aber das präsentierte Effekt-Gewitter sah mehr wie das Videospiel einer Mischung aus Star Wars und Herr der Ringe aus. Ich blieb trotzdem am Ball, ging absichtlich nicht zur Promo-Clipschau ins Kino, und schob die Videospiel-Optik auf die schlechte Kompression des Internetvideos.

Im Dezember 2009 war es dann soweit und nachdem die von mir gewünschte Vorstellung im Cinemaxx, wegen technischer Probleme, ausfiel, wir unser Geld zurück und Freikarten für die 9 Uhr Vorstellung bekamen, fiel ich in den Sessel, setzte mir die "Brille" auf und fing an zu staunen.

Am Anfang war das Staunen. Wirklich! Die ersten 30 Min kriegt man kaum die Kinnlade hoch. 3D, dass oftmals noch wie gestaffelte Pappaufsteller im Raum aussah, ist hier erstmals richtig plastisch. Jedes Objekt hat eine wirkliche Tiefe, eine Form. Der Kamerablick wird zum eigenen Blick, trotz Brille. "Avatar" fesselt allein schon dadurch, dass er den Zuschauer "zu sich" holt, in die eigene Welt, ihn vereinahmt und vielleicht auch ein wenig überfordert.

Die eigentliche Revolution findet statt, im Kontext des 3D-Films, rein technisch, versteht sich. In diesem Sinne hat der Film nur sich selbst als Thema. Die "neuen" Bilder, die wir zu sehen bekommen, reizen unsere Sinne mehr als es davor der Fall war. Diese sogenannte Revolution kann auch als Rückschritt angesehen werden, denn ruckzuck fühlt man sich wie im 19.Jh. als das Kino noch Jahrmarkts-Attraktion war und die Leute begeistert in kleine Gucklöcher starrten und sich inhaltlose Bewegungsloops ansahen. Die Form als Attraktion, wir sind wieder am Anfang, beim Oberflächenkino, bei Georges Melies - dafür werde ich gelyncht, ich weiß :) - und Michael Bay. "Avatar" ist eine Rummelattraktion der alten, neuen Tage.
Von der Geschichte und den Charakteren kann man das nicht behaupten. Die begeistern vielleicht noch 10jährige, aber das wars dann. Zynisch gesehen, hat Cameron vielleicht die Story extra so flach gelassen, damit man nicht noch davon überfordert wird. Dafür ist die 3D-Technik schließlich ja schon da. Anders kann ich es mir nicht erklären, warum Cameron eine Story verfilmt, die mehr Staub angesetzt hat als der Andromeda-Nebel. Alle Vergleiche mit Winnetou und Pocahontas sind mehr als berechtigt. Inwieweit man schon von Diebstahl sprechen kann, muss jeder für sich entscheiden. Andererseits sind die Handlungsmuster, der Gut-und-Böse-Konflikt und die Figuren an sich schon zu reinen Klischees geworden, so dass das Urheberecht für diese ausgetretenen Wege garnicht mehr greift, denke ich.
Nun könnte man die Story als unerheblich betrachten, wie das manche euphorische Stimmen hier tun. Wer soweit ist, hat schon verloren. Denn das traurige ist, dass Cameron das alles ganz schön ernst nimmt. Das tut weh. Als hätte er die letzten 20 Jahre verschlafen und denkt er würde uns was neues erzählen.
Was das Drehbuch vermurkst, bekommen natürlich auch die Figuren zu spüren. Worthington kommt da noch ganz gut weg. Weaver dagegen ist ein wandelndes Klischee. Genauso wie Michelle Rodriguez, aber die scheint auch nur immer die selbe Rolle zu spielen. Ribisi und Lang sind unfreiwillig komische Abziehbildchen, schlechte Kopien von typischen Cameron-Figuren. Die Nav'i-Wesen dagegen "spielen" beeindruckend gut, dafür dass sie aus dem Computer kommen. Dieses neue Motion-Capturing-Verfahren macht schon ein wenig Angst vor den zukünftigen Filmen ohne Schauspieler. Ich hoffe doch das Publikum ist so intelligent und will weiterhin echte Schauspieler sehen.

60% des Films sind CGI. Bringt mich das zum Staunen oder zum Weinen? Die Qualität der Bilder ist erwartungsgemäß High-End. Das anfängliche Videospiel-Gezweifle war schnell verflogen. Lag allerdings bestimmt auch an dem überwältigenden 3D-Effekt.
Technisch ist der Film ein Triumph, überwiegend. Die immer noch gravierenden Nachteile digitaler Kinematografie konnte auch Cameron nicht lösen. In den vielen Verfolgungsjagden geht die Übersicht oftmals durch die hohe Bewegungsunschärfe verloren. Das ist zwar nicht ganz so schlimm wie "Public Enemies", aber die langsamen CMOS-Sensoren der DigiCams sind immer noch keine Konkurrenz für den guten alten 35mm-Film.

"Avatar" ist ein zweifelhaftes Vergnügen. Trotz der unverdienten Länge, der schwachen Story und den langweiligen Figuren, unterhält der Film, zum einen durch den 3D-Effekt, zum anderen durch die überwältigende Welt, die hier virtuell erschaffen wurde. Auch die finale Schlacht, à la Militär-Porno-Parade, fickt die Sinne. Die Frage ist nur will man gefickt werden? Cameron hat mich gefickt. Es tat weh, aber es sah auch gut aus, zu gut.

Die synthetische Welt in "Avatar" hat nur blühende Landschaften zu bieten. Alles ist perfekt! Doch das Geschehen ist nicht perfekt. Während Cameron seine Story mit Mord, Krieg, Terror und Genozid auflädt, wird Pandora indirekt proportional schöner und verkommt zur Tapete. Die Kulisse wird sichtbar und die Illusion verfliegt.
Camerons Filme behandeln immer die Vereinbarkeit von Technologie und Natur. Seine bisherige Stärke war, dass er diese beiden Seiten gegenüberstellte und für keine Seite argumentierte. Das war auch bei Titanic noch so. Doch "Avatar" bricht mit dieser Linie. Die Technologie ist hier immer Diktator, getrimmt auf Leistung, Effizienz und Vollkommenheit. Pandora entstand durch die selbe Technologie, eine antiseptische Welt, unbarmherzig gegen alles was nicht perfekt ist. Der von Cameron beabsichtigte humanistische Grundton enttarnt sich als große Lüge. "Avatar" ist eigentlich ein anti-humanistisches Machwerk.

Wertung: 4/10


"Avatar - Aufbruch nach Pandora"
USA, 2009
James Cameron
mit Sam Worthington, Sigourney Weaver, Zoe Saldana


Bisher nur als abgespeckte 2D-Version auf DVD & Blu-Ray, ohne Extras, erhältlich.