Samstag, 29. Mai 2010

AVATAR



Als ich das erste mal von "Avatar" gehört habe, war ich euphorisch. Nicht nur das Cameron wieder dreht, nein, er dreht sogar einen Sci-Fi-Film, eines meiner Lieblingsgenres. Dazu kam die Ankündigung eines Opus Magnum des 3D-Kinos, einer "Revolution", wie Cameron es selbst beschreibt. Das schürt Erwartungen, die bei 2 Jahren Wartezeit gut gedeihen konnten. Camerons Kino ist wie für Sci-Fi gemacht. Seine besten Arbeiten waren Sci-Fi-Filme ("Aliens", "T2", "Abyss"). Titanic war zwar nicht monumental, aber monumentalistisch, der Versuch eines Hollywood-Groß-Epos der alten Tage für die Millenium-Generation. Alter Inhalt, neue Form, Gigantismus, das Versenken eines echten Schiffes, jeder ging in diesen Film, ich auch, doch im Laufe der Jahre blieb da nicht viel hängen, was erzählenswert oder filmgeschichtlich wichtig wäre, außer vielleicht der Box-Office-Rekord und die Effekte. Den Weg, den Cameron mit "Titanic" einschlug, geht er nun mit "Avatar" konsequent weiter.

Ich habe ja von meiner vorherigen Euphorie geschrieben, die sich steigerte, zu dem erwartete ich von Cameron den ersten wieder richtig guten Sci-Fi-Film seit Jahren, mit einer guten Story versteht sich. Wunder, habe ich nicht erwartet, aber ich weiß, dass er es kann. In "Aliens" hat er der Figur der Ellen Ripley unglaublich viel Tiefe gegeben. Er hat es verstanden Actionkino, Dramaturgie und Figurenentwicklung in Einklang zu bringen. Weaver wurde für ihre Leistung für den Oscar nominiert. Und wieder steigerte sich meine Erwartung als ich hörte, dass die Weaver auch bei "Avatar" mit dabei ist.

Erste Ernüchterung trat ein als ich einen kurzen Abriss der Story las. Schon das las sich wie Öko-Kitsch nach alter Rezeptur, doch ich vertraute auf Camerons Talent als Drehbuchautor und sprach immer wieder zu mir: "Aliens! Aliens! Aliens!"
Der nächste Dämpfer kam mit dem ersten Trailer, wo ja für viele das Grübeln begann. Die Schlümpfe störten mich zwar nicht, aber das präsentierte Effekt-Gewitter sah mehr wie das Videospiel einer Mischung aus Star Wars und Herr der Ringe aus. Ich blieb trotzdem am Ball, ging absichtlich nicht zur Promo-Clipschau ins Kino, und schob die Videospiel-Optik auf die schlechte Kompression des Internetvideos.

Im Dezember 2009 war es dann soweit und nachdem die von mir gewünschte Vorstellung im Cinemaxx, wegen technischer Probleme, ausfiel, wir unser Geld zurück und Freikarten für die 9 Uhr Vorstellung bekamen, fiel ich in den Sessel, setzte mir die "Brille" auf und fing an zu staunen.

Am Anfang war das Staunen. Wirklich! Die ersten 30 Min kriegt man kaum die Kinnlade hoch. 3D, dass oftmals noch wie gestaffelte Pappaufsteller im Raum aussah, ist hier erstmals richtig plastisch. Jedes Objekt hat eine wirkliche Tiefe, eine Form. Der Kamerablick wird zum eigenen Blick, trotz Brille. "Avatar" fesselt allein schon dadurch, dass er den Zuschauer "zu sich" holt, in die eigene Welt, ihn vereinahmt und vielleicht auch ein wenig überfordert.

Die eigentliche Revolution findet statt, im Kontext des 3D-Films, rein technisch, versteht sich. In diesem Sinne hat der Film nur sich selbst als Thema. Die "neuen" Bilder, die wir zu sehen bekommen, reizen unsere Sinne mehr als es davor der Fall war. Diese sogenannte Revolution kann auch als Rückschritt angesehen werden, denn ruckzuck fühlt man sich wie im 19.Jh. als das Kino noch Jahrmarkts-Attraktion war und die Leute begeistert in kleine Gucklöcher starrten und sich inhaltlose Bewegungsloops ansahen. Die Form als Attraktion, wir sind wieder am Anfang, beim Oberflächenkino, bei Georges Melies - dafür werde ich gelyncht, ich weiß :) - und Michael Bay. "Avatar" ist eine Rummelattraktion der alten, neuen Tage.
Von der Geschichte und den Charakteren kann man das nicht behaupten. Die begeistern vielleicht noch 10jährige, aber das wars dann. Zynisch gesehen, hat Cameron vielleicht die Story extra so flach gelassen, damit man nicht noch davon überfordert wird. Dafür ist die 3D-Technik schließlich ja schon da. Anders kann ich es mir nicht erklären, warum Cameron eine Story verfilmt, die mehr Staub angesetzt hat als der Andromeda-Nebel. Alle Vergleiche mit Winnetou und Pocahontas sind mehr als berechtigt. Inwieweit man schon von Diebstahl sprechen kann, muss jeder für sich entscheiden. Andererseits sind die Handlungsmuster, der Gut-und-Böse-Konflikt und die Figuren an sich schon zu reinen Klischees geworden, so dass das Urheberecht für diese ausgetretenen Wege garnicht mehr greift, denke ich.
Nun könnte man die Story als unerheblich betrachten, wie das manche euphorische Stimmen hier tun. Wer soweit ist, hat schon verloren. Denn das traurige ist, dass Cameron das alles ganz schön ernst nimmt. Das tut weh. Als hätte er die letzten 20 Jahre verschlafen und denkt er würde uns was neues erzählen.
Was das Drehbuch vermurkst, bekommen natürlich auch die Figuren zu spüren. Worthington kommt da noch ganz gut weg. Weaver dagegen ist ein wandelndes Klischee. Genauso wie Michelle Rodriguez, aber die scheint auch nur immer die selbe Rolle zu spielen. Ribisi und Lang sind unfreiwillig komische Abziehbildchen, schlechte Kopien von typischen Cameron-Figuren. Die Nav'i-Wesen dagegen "spielen" beeindruckend gut, dafür dass sie aus dem Computer kommen. Dieses neue Motion-Capturing-Verfahren macht schon ein wenig Angst vor den zukünftigen Filmen ohne Schauspieler. Ich hoffe doch das Publikum ist so intelligent und will weiterhin echte Schauspieler sehen.

60% des Films sind CGI. Bringt mich das zum Staunen oder zum Weinen? Die Qualität der Bilder ist erwartungsgemäß High-End. Das anfängliche Videospiel-Gezweifle war schnell verflogen. Lag allerdings bestimmt auch an dem überwältigenden 3D-Effekt.
Technisch ist der Film ein Triumph, überwiegend. Die immer noch gravierenden Nachteile digitaler Kinematografie konnte auch Cameron nicht lösen. In den vielen Verfolgungsjagden geht die Übersicht oftmals durch die hohe Bewegungsunschärfe verloren. Das ist zwar nicht ganz so schlimm wie "Public Enemies", aber die langsamen CMOS-Sensoren der DigiCams sind immer noch keine Konkurrenz für den guten alten 35mm-Film.

"Avatar" ist ein zweifelhaftes Vergnügen. Trotz der unverdienten Länge, der schwachen Story und den langweiligen Figuren, unterhält der Film, zum einen durch den 3D-Effekt, zum anderen durch die überwältigende Welt, die hier virtuell erschaffen wurde. Auch die finale Schlacht, à la Militär-Porno-Parade, fickt die Sinne. Die Frage ist nur will man gefickt werden? Cameron hat mich gefickt. Es tat weh, aber es sah auch gut aus, zu gut.

Die synthetische Welt in "Avatar" hat nur blühende Landschaften zu bieten. Alles ist perfekt! Doch das Geschehen ist nicht perfekt. Während Cameron seine Story mit Mord, Krieg, Terror und Genozid auflädt, wird Pandora indirekt proportional schöner und verkommt zur Tapete. Die Kulisse wird sichtbar und die Illusion verfliegt.
Camerons Filme behandeln immer die Vereinbarkeit von Technologie und Natur. Seine bisherige Stärke war, dass er diese beiden Seiten gegenüberstellte und für keine Seite argumentierte. Das war auch bei Titanic noch so. Doch "Avatar" bricht mit dieser Linie. Die Technologie ist hier immer Diktator, getrimmt auf Leistung, Effizienz und Vollkommenheit. Pandora entstand durch die selbe Technologie, eine antiseptische Welt, unbarmherzig gegen alles was nicht perfekt ist. Der von Cameron beabsichtigte humanistische Grundton enttarnt sich als große Lüge. "Avatar" ist eigentlich ein anti-humanistisches Machwerk.

Wertung: 4/10


"Avatar - Aufbruch nach Pandora"
USA, 2009
James Cameron
mit Sam Worthington, Sigourney Weaver, Zoe Saldana


Bisher nur als abgespeckte 2D-Version auf DVD & Blu-Ray, ohne Extras, erhältlich.


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