Samstag, 26. März 2011

127 HOURS


In Danny Boyles Abenteuer-Drama sehen wir einen enormen James Franco, der versucht in einem unverhältnismäßigen Bildersturm zu überleben.

"127 Hours" ist ohne Frage einer der untypischsten Hollywoodfilme der letzten Jahre. So war es auch schon bei "Slumdog Millionaire". Danny Boyle hat sich erfolgreich in ein System eingenistet, dass es nicht schafft ihn zu kontrollieren. Der Underdog aus England bleibt seiner Feder treu und inszeniert weiterhin mit schrägem Ansatz und Videoclip-Ästhetik, doch sein neuer Film sendet ein bitteres Signal, das Prinzip Boyle steckt in der Sackgasse. Eben wie die Figur Aron, eingeklemmt zwischen Fels und Stein, in der Falle sitzt, so merkt man auch "127 Hours", dass man hier mit viel Gewalt versucht hat einen vernünftigen Film zurechtzubiegen.

Ja, da ist sie wieder, die alte Leier der "wahren Begebenheiten", die doch so schwer ins Kino passen, wenn man sie nicht einigermaßen adaptiert. Boyle, der sichtlich beeindruckt ist von der Geschichte, beginnt zu imitieren, Kleidung, Namen, Orte, Handlung, so weit es dramaturgisch irgendwie möglich ist. Der Film mag zwar erfreulicherweise ohne ein "based on a true story" zu Beginn auskommen, allerdings, und das ist noch viel schlimmer, lässt Boyle am Ende den echten Aron auftreten und korrumpiert damit nicht nur Francos Darstellung, sondern degradiert seinen Film zu einem einzigen großen Fake.

Die Exposition ist dennoch wunderbar. Nur eine Hauptfigur, kaum Bewegungsspielraum, ein Handlunsort und ein existenzieller Konflikt, das ist erzählerisch gewagt und für einen großen Regisseur ebenso eine wahre Herausforderung. Natürlich gibt es viele Möglichkeiten, wie man so einen Film erzählt, Boyles Herangehensweise gefiel mir aber überhaupt nicht. Mit allen Gottgegebenen Waffen eines Filmemachers geht Boyle auf die Geschichte los und lässt keinen Stein auf dem anderen. Die Kamera sucht sich jeden Winkel und versucht aus einem Bild eine Million Bilder herauszuholen. Die Montage muss das mitmachen und generiert einen Bildersturm, der in keinem Verhältnis zur Handlung steht. Denn ganz ehrlich, wie bei "Sunshine" geht mir auch bei "127 Hours" nicht der Gedanke aus dem Sinn, dass Boyles Bilder in erster Linie cool sein sollen. Sie sollen in erster Linie schick, erregend und eye-catchy sein. Vielleicht passen solche Bilder aber gar nicht zu einer solchen Geschichte. Boyles Formalismus ist so penetrant, dass man von der Geschichte wenig mitbekommt.

Ich hege ja eine große Bewunderung für Regisseure, die lieber mit schier unendlichem Ideenreichtum eine Handlung bebildern als sie nur durch Dialoge voranzutreiben. Ich will Boyle dieses Talent auch gar nicht absprechen. Allein das Gefühl von Einsamkeit oder schlicht von Durst erzählt Boyle auf einer reinen Bildebene, getragen von einer cleveren Montage oder gigantischen Kamerafahrten. Dennoch, erzeugen seine Bilder stets eine rein künstliche, leicht-ironische und distanzierte Atmosphäre. Diese Geschichte bietet aber nie eine Gelegenheit zur Distanz, schon allein weil es keine Meta-Ebene gibt. Darauf könnte man auch locker verzichten, wenn Boyle den Weg der Empathie eingeschlagen hätte. Aron bleibt fern und da man weiß, dass er gerettet wird, steckt „127 Hours“ zudem in einem schweren dramaturgischen Dilemma. Letztendlich wartet man nur auf den Super-Gau, darauf, dass sich Aron den Arm abtrennt. Boyle ist klug genug diese Sequenz nicht unnötig in die Länge zu ziehen, short and shocking. Fünf Minuten rechtfertigen aber noch keinen Film.

Boyles großes Vorbild, Nicolas Roeg, hat in „Walkabout“ gezeigt, wie man das Verloren-Sein in der Natur verfilmt. Würde man sich beide Filme parallel ansehen, man würde eine Vielzahl von Gemeinsamkeiten und gleichfalls herbe Unterschiede erkennen, denn während Boyle seine Bilder nur schräg kadriert, weil es cool aussieht, neigt Roeg seine Kamera nur, wenn eine Figur ihren Kopf zur Seite legt, eben wenn es gute Gründe dafür gibt.

Wertung: 4,5/10


"127 Hours"

GB, USA, 2010

Danny Boyle

mit James Franco, Kate Mara, Amber Tamblyn


Nur im Kino!


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