Montag, 14. Juni 2010

A SINGLE MAN


Wenn Mode-Designer anfangen Filme zu drehen, dann muss die Oberfläche glänzen. Wer tiefer gehen will, sollte sich bei "A Single Man" auf Hindernisse einstellen.


Tom Ford fährt in seinem Regie-Debüt alle Gestaltungsmittel auf, die es gibt, aufwendige Kadragen, Zeitlupen, Shutter-Effekte, wohl komponierte Szenenbilder im Einklang mit schönen Kostümen. Die Kamera arbeit praktisch jede Brennweite mindestens einmal ab und der Einklang von Bild und Ton sucht die vollendete Note.
Es geht ums ganze, um den perfekten Film, wo jeder Frame nötig, wichtig und für sich sich selbst stehen kann, doch nur in der Bewegung sein wahres Gesicht offenbart.

Es ist das Streben des Designs perfekt zu sein. Die Kunst hat nicht diesen Anspruch, was nicht heißt, dass Design nicht auch Kunst ist.

Tom Ford, eigentlich Designer, sucht nun diese Form des Gleichgewichts im Film, er macht keinen Film, er designt ihn. Was Robert Wilson mit dem Theater macht, dass macht Tom Ford mit dem Film. Er ist nicht der erste, aber er kommt vom Fach, was einen genaueren Blick auf "A Single Man" spannend macht.

Ein ehemaliger Kino-Designer war der große Stanley Kubrick, dessen obsessiver Perfektionismus bis zum Schluss unbefriedigt blieb. "Ich wäre ja schon glücklich, wenn ich nur 50% von dem was ich mir vorstelle, realisieren könnte." soll Kubrick mal gesagt haben und das bringt es auf den Punkt. Es ist wie der klassische Kampf Don Quichottes gegen die Windmühlen, aber es ist nötig. Der Filmemacher muss gegen die Windmühlen kämpfen, sonst kommt kein guter Film dabei heraus.

Das hat Tom Ford verstanden und das setzt er auch mit beinah zersetzender Strenge durch, wodurch "A Single Man", gemein ausgedrückt, wie ein überlanger Gucci-Spot wirkt. Auf der anderen Seite beeindrucken die wirklich erstklassigen Leistungen der Schauspieler, wobei man sich fragen darf, wie Ford das gemacht hat oder eher wieviel er gemacht hat. Colin Firth erarbeitet sich mit seiner Darstellung eine Jahrhundertperformance und bringt es fertig mit einem Lächeln mir Tränen in die Augen zu treiben. Bei aller überstrapazierten Ästhetik funktioniert die emotionale Kommunikation also erstaunlich gut.

Ebenso wichtig wie herausragend für den Film ist der Einsatz seiner Requisiten. "A Single Man" ist ein ganz und gar materieller Film. Der Revolver ist genauso wichtig wie der Charakter, der ihn verwendet. Ohnehin liebe ich die schon fast ikonografische Einstellung, wenn eine Pistole aus einer Schublade hervorgeholt wird und "A Single Man" zelebriert dieses Bild. Sei es eine Zigarette, eine Krawatte, eine Flasche Gin oder ein flauschiger Pulli. Die Requisiten spielen mit den Schauspielern oder umgekehrt? Es ist schon fast spirituell, wie Tom Ford es schafft toten Objekten Leben einzuhauchen, sie anzuordenen und in Szene zu setzen. Das kann vielleicht nur ein Designer und selbst Kubrick verstand es nicht, z.B. der Axt in "Shining" mehr Sinn zu geben als der Plot benötigt.

Vielleicht lenkt "A Single Man" durch seinen Materialismus von der Handlung ab. Die Story erschien mir nachhinein doch recht fade und die politischen Ansätze wurden eher angerissen als ernst diskutiert. Selbst die visuelle Ästhetik hat sich Ford bei anderen Filmen abgeguckt. "A Single Man" ist letztendlich postmodern und selten originell, wie die heutige Mode. Allerdings schafft Tom Ford es Dinge zum Sprechen zu bringen, dass fehlte doch noch, oder?

Wertung: 6,5/10


"A Single Man"
USA, 2009
Tom Ford
mit Colin Firth, Julianne Moore, Nicholas Hoult


Nur im Kino!


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