Donnerstag, 1. März 2012

THE FLY


Die Angst vor dem Tod, die Angst sich zu verändern - David Cronenberg begegnet in seinem bekanntesten Film diesen Ängsten auf neugierige und radikale Weise.

Seth Brundle lernt Veronica auf einer Veranstaltung kennen. Er zeigt ihr seine Entwicklung, eine Maschine, die Teletportation ermöglicht. Sie beginnt seine Arbeit zu dokumentieren. Beide kommen sich näher. Als Seth einen Selbstversuch unternimmt, gelangt eine Fliege mit in die Telebox. Die Gene Seths und der Fliege werden vermischt. Erst scheint alles normal. Seth fühlt sich stärker, aktiver und vitaler, doch dann beginnt der Zerfall und die Verwandlung.


In der bekannten "The Fly"-Hommage der Serie "Die Simpsons" tauscht Bart mit einer Fliege Körper und Kopf, ganz wie im Originalfilm von 1958. Kopf und Körper, also Verstand und Physis, Seele und Fleisch, klar getrennt und nicht vereinbar. Der Mensch mit dem Fliegenkopf, riesengroß, aber mit dem Geist eines Insekts gestraft. Der Fliegenkörper mit menschlichen Kopf, winzig klein, aber mit riesigem Verstand. All diese Abgrenzungen und Äußerlichkeiten gibt es in Cronenbergs Neuverfilmung nicht. Das ist kein Remake, noch nicht mal eine Neuadaption der Geschichte von George Langelaan oder Franz Kafka. Das ist ein komplett neuer Film, eine neue Herangehensweise und Interpretation.

"Die Fliege" wurde David Cronenbergs letzter klassischer Body-Horror-Film. Einer der Gründe mag sein, dass er sich am Genre genug abgearbeitet hat. Selbst "The Fly" kann man schlecht als simplen Horrorfilm bezeichnen. 2008 hatte sogar eine Opernadaption in Paris Uraufführung, was klar stellt, der Film besaß bereits diese Qualitäten. Cronenberg erzählt eine Liebestragödie vor phantastischem Hintergrund. "People in a room talking" so betitelte der Regisseur einst seinen Film. Es gibt die typische Dreiecksbeziehung zwischen der Frau, ihrem alten und ihrem neuen Liebhaber und dann ist da noch die Idee der schief gelaufenen Teleportation mit einer Stubenfliege. Warum erzählt Cronenberg nicht nur eine Liebesgeschichte? Warum erzählt er nicht nur vom Drama des Zerfalls? Wozu noch dieser ganze Überbau an Hybris und Science-Fiction, Ekel und Gewalt? Ganz einfach, weil man es kann, weil dieser Filmemacher es kann und weil ein abendfüllender Spielfilm Raum für mehr als zwei Konflikte bietet. Es war wohl auch die inhaltliche Üppigkeit von „The Fly“, die ihn zur Oper werden ließ.

Die Verwandlung von der Cronenberg erzählt ist vielfältig. Sie ist nicht nur genetisch und äußerlich, sondern auch psychisch und persönlich. Geist und Körper, was im Original noch getrennt schien, ist nun eins, wie in allen Filmen des Kanadiers. Der Kritiker Rolf Giesen bezeichnete den Film als antimenschlich und dachte ernsthaft über ein nötiges Verbot nach. Klar ist, dass Cronenberg keine Scheu davor zeigt den Menschen „neu“ zu denken. Genauso wenig verurteilt der Regisseur die Verwandlung seines Protagonisten. Seth Brundle, ein Genie ohne Privatleben, der wie Einstein stets die gleiche Kleidung trägt, verliebt sich in die abgebrühte Journalistin Veronica Quaife. Allein da setzt schon die Verwandlung ein. Der Wissenschaftler wird zum Liebhaber. Auf ihren Exfreund reagiert er mit Eifersucht. Seth trinkt zu viel, wagt einen Selbstversuch und bemerkt nicht die Fliege in seiner Kabine. Seth, so lautet auch der Name des ägyptischen Gott des Chaos. Bedeutungsvolle Namen sind ein Markenzeichen Cronenbergs. Das genetische Chaos führt im ersten Moment zu besonders positiven Eigenschaften. Brundle ist ungemein sportlich, braucht kaum noch Schlaf und fühlt sich unglaublich. Er verspürt eine unstillbare sexuelle Lust, neigt zu Hysterie und Aggressivität, alles Eigenschaften, die dem Nerd Brundle fehlten. Auch als der Zerfall seines Körpers beginnt und Cronenberg auf Fälle von Krebs, ja sogar Aids anspielt, kann Seth seinem Schicksal noch etwas positives abringen. Was Rolf Giesen als antimenschlich bezeichnete, ist eigentlich nur menschlich. Brundle klammert sich an sein Leben, nie verliert er die Hoffnung und bis zu einem gewissen Punkt auch nie seine Humanität.

Die Schönheit des Films liegt in der Achtung von Seths Schicksal. Stets bleibt der Mensch hinter all dem Ekel sichtbar. Auch das Cronenberg die Liebesgeschichte bis zum Schluss ernst nimmt, zeugt von großer Stärke. Schnell hätte der Film ins lächerliche abrutschen können. In einer Szene sinniert Jeff Goldblum unter dickem Make-Up über das Mitgefühl von Insekten und will seiner Geliebten klar machen, dass die Fliege in ihm die Überhand gewinnt und sie nun gehen muss um nicht verletzt zu werden. Selten hat Cronenberg etwas ergreifenderes auf die Leinwand gebracht. Allein wenn man sich überlegt wie albern diese Szene sein könnte. Durch die düstere Kamera Mark Irwins, die schummrige Musik Howard Shores und das Spiel der beiden Hauptdarsteller wurde daraus aber der Höhepunkt des ganzen Films.

Im eigentlichen Finale treibt Cronenberg seine Tragödie auf eine fast schon absurde Spitze. Veronica ist schwanger mit Seths Baby. Brundle will wieder menschlicher werden und baut seine Teleportationsmaschine zu einem Gene-Splicer um. Er will mit seiner Geliebten und ihrem Kind verschmelzen. Die perfekte Familie, „drei Individuen in einem Körper“. Brundle hat keine Angst davor. Er hat vor gar nichts Angst. Auf dem Poster von „The Fly“ steht „Be afraid, be very afraid“, doch eigentlich will uns Cronenberg die Angst nehmen. Also das komplette Gegenteil vom Ziel eines Horrorfilms. In naturalistischen Darstellungen zerlegt er unsere Körper, lässt Ohren abfallen und Arme brechen. Zeigt uns Beine, die mit Säure verätzt werden und dennoch steckt dahinter nicht der Voyeurismus eines Gorehounds, sondern eine Bewusstmachung der Verletzlichkeit unseres Körpers. Es ist ein Gefäß, was leicht zerbrechen kann. In seinem darauffolgenden Film „Dead Ringers“ wird sogar von der Schönheit des Körperinneren gesprochen. In einer Szene in „The Fly“ wird das Innere eines Pavians nach außen gekehrt. Der Ekel vor unserem eigenen Körperinneren. Cronenberg macht uns klar, die Haut ist nichts anderes als eine willkürlich gesetzte ästhetische Grenze hinter der sich ein weiteres Ich verbirgt, was dann am Ende von „The Fly“ buchstäblich ausbricht.

Wie gehst du damit um, wenn dein Partner schwer krank ist, wenn sein Ende nahe scheint oder die Krankheit ihn soweit verändert, dass er nicht mehr der ist, in den du dich verliebt hast? Im Kern verhandelt Cronenberg diese Fragen. Krankheit und Tod, existenzielle Probleme, von denen wir ungern was wissen wollen und die uns klammheimlich in Form einer Stubenfliege mit in die Telebox der Unterhaltung und Genrespielerei geschmuggelt werden.

Wertung: 9,5/10


"Die Fliege"
US 1986
David Cronenberg
mit Jeff Goldblum, Geena Davis, John Getz

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