Sonntag, 22. April 2012

SHAME


Sex und Schuld, auch in Steve McQueens neuem Film kleben sie zusammen und lassen sich nicht trennen.

Brandon (Michael Fassbender) ist ein erfolgreicher New Yorker Geschäftsmann. Mühelos gelingt es ihm Frauen ins bett zu kriegen, doch das reich ihm nicht. Er leidet unter Sexsucht und seine Lust ist unstillbar. Als seine Schwester (Carey Mulligan) bei ihm für eine Zeit übernachten will, setzt das Brandon noch mehr unter Druck.

Der Blick spielt in Steve McQueens neuem Film "Shame" eine überaus wichtige Rolle. Er gibt uns die Möglichkeit durch die Augen in die Seele des Schauspielers zu blicken. Er verrät uns seine Gefühle, Gedanken und Pläne, wie z.B. Brandons Idee das Mädchen aufzureißen, was ihm da gegenüber in der U-Bahn sitzt, aber der Blick kann ebenso voyeuristisch sein und besonders im Kino ist er es. Die Kamera entscheidet, was wir sehen. Sie kann uns nötigen Dinge zu betrachten, die uns missfallen. Dass McQueen das Unübliche sucht, sieht man bereits am Anfang. Innerhalb einer Montage, die Raum und Zeit durchzuschneiden scheint, illustriert der Film die Monotonie in Brandons Leben, Sex, Vorhänge aufziehen, Duschen, Masturbation. Dabei geniert sich die Kamera nicht Brandons Penis in Nahaufnahme zu filmen und das mehrmals. Allein dieses Bild zeigt uns eine Seite von Sexualität, die im Kino stark benachteiligt wurde. Sexszenen im Film sind meistens bloße Verführung. Der Held, also ein Mann, erliegt den "Waffen einer Frau", weshalb man nackte Brüste und Frauenhintern tausendmal öfter auf der Leinwand sieht als einen Penis. Eigenartigerweise müssen sich Frauen andauernd ausziehen. Steve McQueen versucht diese Ungerechtigkeit zu relativieren indem er die Scham des Mannes in den Fokus rückt. Die erwähnte Aufnahme von Brandons Penis kommt aber nicht beim Akt selbst zum Tragen, sondern beim bloßen Gang vom Schlafzimmer in die Küche. In diesem Moment reduziert der Film sich auf das Wesentliche. Hier geht es nur ums Fleisch. Auch wenn McQueens Porträt eines Sexsüchtigen überwiegend bereits gestrickten Mustern folgt und sein New-Yorker-Edellook eher den Abgründen der Geschichte trotzt als den Zuschauer da hinein zu stoßen, sind es doch gerade die subtilen Momente, die haften bleiben. Meistens vertraut McQueen nur auf eine Einstellung um alles zu erzählen, genauso im Reich der Dunkelheit verortet er die Vergangenheit von Brandon und seiner Schwester. Shame, das könnte auch für ein Stigma stehen, was den beiden Geschwistern seit ihren Kindestagen eingebrannt ist.

Wertung: 6/10

"Shame"
US 2011
Steve McQueen
mit Michael Fassbender, Carey Mulligan, Nicole Beharie

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