Montag, 31. Januar 2011

TRON: LEGACY


Disney setzt nach fast 30 Jahren einen seiner kultigsten Flops fort. Das technische Update tut dem Film dabei überaus gut, doch inhaltlich bewegt sich nichts.

Kevin Flynns 27-jähriger Sohn Sam ist auf der Suche nach seinem Vater, den er nur noch dunkel aus Kindheitserinnerungen kennt. Als er eines Tages einem Signal aus dem alten Büro seines Vaters nachgeht, wird der junge Rebell plötzlich selbst Teil der Computerwelt, in die sich sein Erzeuger schon vor Jahrzehnten geflüchtet hat. Diesmal ist es Sam Flynn, der sich in einer Welt zurechtfinden muss, die er allemal aus einem Spielautomaten kennt. Allerdings bedeutet ein Game Over in der digitalen Welt, auch das endgültige Aus für den Spieler selbst.

Die erste Frage, die mir beim Abspann von "Tron: Legacy" in den Kopf schoss, war: "Was haben die fünf Typen gemacht, die sich die Story ausgedacht haben?" Sie haben den Film praktisch kaputt gemacht. Nicht, dass ich bei dem Film eine tiefgehende Handlung erwartet hätte, aber das was uns "Tron: Legacy" präsentiert, ist weder Fisch noch Fleisch. Eigentlich gab es doch nur zwei Möglichkeiten. Entweder, ich setze mich möglichst halbwegs ernsthaft mit meinem Thema auseinander, so wie das "Tron" getan hat, oder ich vertraue auf fast 30 Jahre Computer-Entwicklung und lass einen Optik-Porno vom Stapel, der sich gewaschen hat.

Joseph Kosinski und Autoren entscheiden sich irgendwie für den lausigen Mittelweg. Statt der Vision einer digitalisierten Welt, liefert uns der Film einen Fantasy-Roman in Neon-Optik, so belanglos wie ironiefrei. Da ist von Völkermord, Auserwählten und Jules Verne die Rede. Das alles wird bierernst durchgekaut und dennoch wirkt es so, als ob die Autoren keinen Bock auf den Film gehabt hätten. Am Anfang traut man sich ja schon ein bisschen augenzwinkernde Kapitalismuskritik, aber eben die ist auch so billig und doof, dass man nur schnellstmöglich in die fröhlich blaue Neon-Mittelerde-Welt will.

Habe ich eigentlich schon die grandiosen Figuren erwähnt? Da gibts den irgendwie rebellischen Helden und die irgendwie unschuldige, aber toughe Prinzessin, dazwischen sitzt Jeff Bridges als alter Guru und irgendwie böse ist dann noch so ein digital restaurierter Jeff Bridges mit nem coolen Mantel, aber ohne Hirn. Wie schon gesagt, brauche ich bei einem Film wie "Tron: Legacy" differenzierte Figuren? Nein, aber wenn schon, dann nur so wenig öde Dialogszenen wie möglich, aber unsere 5 Autoren von der Tankstelle wurden wohl nach Sprechzeilen bezahlt und so gibt es einfach viel zu viele und vorallem viel zu lange lahme Dialoge, inklusive Poesiealbumssprüche. Das nahm selbst der pornösen Optik den Reiz und sorgte im Mittelteil des Films für reichlich Slowdown.

Eigentlich gibt es nur zwei Figuren die den wahren Geist von "Tron" atmen. Das wären zum einen die sirenenhafte Beau Garrett, dessen blonde programme fatale den Film nicht nur visuell enorm aufwertet, sondern auch zeigt, wie man mit wenig Worten schauspielerisch Atmosphäre erzeugt. Dagegen kann Olivia Wilde als einzige weitere Frau nicht konkurrieren. Garrett ist filmisch. Wildes Figur funktionierte vielleicht mal auf dem Papier. Michael Sheen bietet dann den zweiten und letzten Charakter ohne Fremdscham-Potenzial. Sein Zuse ist eine Mischung aus Ziggy Stardust und Jim Carreys Riddler, eben ganz und gar ein Dandy, Spieler und Verräter. Auch hier reicht die Oberfläche vollkommen aus um filmisch zu wirken.

Inhaltlich ist "Tron: Legacy" also wirklich die Gurke, die viele erwartet haben, doch man hätte auch einfach ehrlich sein können und der Handlung so wenig Raum wie möglich einräumen können. Ich hätte mich nie daran gestört, wenn man mir nur einen Effekt-Clip nach dem nächsten durch die Augenhöhlen geblasen hätte, ehrlich gesagt, wäre es genau das, was ich mir von dem Film erhofft hatte. Nun gut, man soll ja nicht über zerbrochene Eier weinen, mal sehen zu was für ein Omelett "Tron: Legacy" dennoch taugt.

Daft Punks Soundtrack erinnert in seinen schwächeren reinen Score-Elementen an die Konserve-Musik eines Hans Zimmers, doch gibt es trotzdem eine Menge Highlights fürs Ohr. Neben dem elektrifizierenden "Derezzed", gefiel mir das "Adagio" besonders gut, das man während des Films leider nur bei einer der vielen lausigen Dialoge säuseln hört. Auch andere überwiegend eletronische Score-Flächen sind überaus passend und atmen den typischen Daft-Punk-Charme.

Natürlich darf man bei einer Kritik zu "Tron: Legacy" die Optik nicht vergessen. Eigentlich hasse ich dieses Wort. Eine Optik ist für mich ein Objektiv, aber in den letzten Jahren steht der Begriff auch öfter für die visuelle Gesamtgestaltung eines Films, was traurigerwiese oft über alles andere gestellt wird. Bei "Tron: Legacy" muss das aber mal so sein und ich werde auch das Wort Optik benutzen. Stil passt nicht, da der Film einfach keinen Stil hat. Dafür ist er zu fahrig und überladen. Dennoch, man bekommt eine formidable Optik geboten. Zwar funktioniert die Gestaltung immer nach dem gleichen Schema -solange irgendwo Neonröhren hängen ist es Tronig- aber das reichte mir vollkommen aus. Der Look ist herrlich retro und ein reiner Designfetisch. Angefangen von Jeffs "2001"-Gedächtnis-Bunker bis hin zu den fliegenden Zügen, die wie Kampfschiffe der Protoss aus "StarCraft II" aussehen. Letztendlich soll alles nur cool aussehen und das gelingt "Tron: Legacy" auch. Selbst 3D macht hier Sinn. Ähnlich wie in "The Wizard of Oz" setzt Kosinski den Effekt erzählerisch ein. Unsere menschliche Welt ist 2D, sobald der Film in die digitale Welt verschwindet, eröffnet er uns die dritte Dimension. Unterm Strich ist das zwar auch nur ein Gimmick, aber schon ein sehr wertvolles.

Um "Tron: Legacy" so gut es geht zu genießen, sollte man sich auf keinen Fall Gedanken über die ausgelassenen Möglichkeiten der Autoren machen. Allein wenn man daran denkt zu was für einem Zeit-Kommentar der Film fähig gewesen wäre, man braucht sich doch nur an die Facebook-Folge bei "South Park" erinnern. Egal, als überlanger Effekt-Porno funktioniert "Tron: Legacy" dennoch. Das wird allerdings nicht im geringsten dem legendären Vorgänger gerecht.

Wertung: 5/10


"Tron: Legacy"

US 2010

Joseph Kosinski

mit Jeff Bridges, Olivia Wilde, Garrett Hedlund

Nur im Kino!


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