Samstag, 29. Mai 2010

FRENZY



Stünde es nicht im Vorspann, ich würde es nicht glauben, dass Hitchcock hier Regie geführt hat. Die Rückkehr nach London scheint ihm neue Seiten entlockt zu haben.
Originalschauplätze, unsichtbare Studiobauten und eine für Hitchcock-Verhältnisse fast intuitive Kameraführung, ich bin baff! Man könnte fast denken: Das ist ein Independent-Film von einem aufstrebenden Talent, dass mit Experementierfreude und Gestaltungswillen die Welt um sich herum zerlegt, mithilfe von Krawatten.

Inhaltlich hat sich aber nichts geändert und das ist auch gut so. Ein Unschuldiger wird verdächtigt und muss sich rehabilitieren. Leider ist Mr. Brainley, anders als sein Name vermuten lässt, nicht besonders Vernunftbegabt und intelligent. Er ist ein Trinker und Verlierer und die haben es anscheinend schwer om London der 70er Jahre. Ohne Obdach, Geld und Job, sucht er seine Ex-Frau auf, die kurz darauf vom berüchtigten Krawattenmörder ermordet wird und so deutet alles auf den cholerischen Ex-Mann hin, dem ganz die feine britische Art entglitten zu sein scheint.
Nun könnte man denken, dieser Mr. Brainley sei unsere Hauptfigur. Nein, tut mir Leid, es ist der Krawattenmörder, genialisch verkörpert von Barry Foster. Den kennt ihr nicht? Ich auch nicht! Ist aber nicht schlimm, denn "Frenzy" wird nicht von Stars bevölkert, sondern von unverbrauchten Theatergesichtern.

Ohne es zum großen Sujet zu erheben, gelingt Hitchcock das glaubwürdige Porträt eines gestörten Mannes, der nach außen hin exzentrisch aber angenehm wirkt, doch innerlich längst verfault ist. Das komplette Gegenteil ist unser unglücklicher Mr. Brainley.
Hitchcock hat schon oft mit Täterperspektiven gearbeitet, aber mit "Frenzy" ist ihm diesbezüglich sein Meisterstück gelungen.
Auch die anderen Figuren werden hervorragend verkörpert. Schauspielerische Höchstleistungen wohin man auch sieht.

Die viel diskutierten Gewalt- und Nacktszenen sind, abgesehen davon dass sie heute keine Zensursula mehr hinterm Ofen hervorlockt, weder dem Zeitgeist noch dem mangelndem Einfallsreichtums Hitchs geschuldet. Mit der Rückkehr auf Londons Straßen, holt Hitchcock auch sein Kino zurück in die Wirklichkeit, könnte man sagen. Raus aus den verstaubten Hollywood-Studios direkt in die unmittelbare Wahrnehmung des Zuschauers, das Verringern der Distanz zwischen Leinwand und Publikum. Das Weltbild in "Frenzy" ist düster, durchzogen mit teils menschenverachtendem Humor der schwärzesten Sorte. Angesicht dieses düsteren Londons fällt es mir schwer zu glauben, dass "Frenzy" ohne Gewalt und nackter Haut genauso gut geworden wäre. Es wäre ein filmischeres London geworden, wo die Kamera rechtzeitig wegschwenkt und den Zuschauer somit aufatmen lässt. Das wäre für "Frenzy" eindeutig unpassend gewesen.

Beeindruckend finde ich auch den Score. Nachdem Hitchcock Henry Mancini gefeuert hatte, bekam der unbekannte Ron Goodwin den Job und kreierte einen Soundtrack, der Bernard Herrmann ebenbürtig ist. Sei es das pompöse Eröffungsstück oder das zarte Thema des Krawattenmörders, zum Fürchten schön.

Die Frage ob Mord abseits der öffentlichen zivilen Welt statt findet, sei mit "Frenzy" endgültig geklärt. Hier schmeckt man, dass Mord ein fester Bestandteil unserer Welt ist, vielleicht sogar ein sehr sehr wichtiger Teil. Denken sie daran, wenn sie ihre nächste Portion Schweinsfüße essen!

Wertung: 8,5/10


"Frenzy"
GB, 1972
Alfred Hitchcock
mit Barry Foster, Alec McCowen, Vivien Merchant


Den Film gibt es einzeln und in verschiedenen Hitchcock-Boxen zu kaufen und bietet eine solide Qualität plus Making-Of.


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