Samstag, 29. Mai 2010

DAS WEIßE BAND



So eine goldene Palme im Nacken zu haben, das wünschen sich viele Filme. Im Fall von Hanekes neuem Film sorgt es gleich für allerhand positive Kritiken im Feulliton, dabei kann man sich sicher sein, hätte der Film keinen Preis gewonnen, die Reszensionen wären überaus unterschiedlich ausgefallen.
Nun hat er sie halt, das goldene Gewächs, was dem Film hoffentlich gute Publikumsergebnisse einbringen wird, denn verdient hätte der Film das allemal, gehört er doch zum besten, was man seit Jahren auf der Leinwand sehen durfte.

Es ist nicht Hanekes erster Ensemble-Film. "Code:unbekannt" sowie "71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls" waren beide Gesellschaftsporträts. Während "71 Fragmente ..." von Vereinsamung und emotionaler Kälte handelte, beleuchtete "Code:unbekannt" den Kommunikationsverlust und die zunehmende Anonymisierung der Gesellschaft. Dieser Film litt aber unter einer erkennbaren Strukturlosigkeit, das Ensemble sowie der ganze Film wollten sich nicht zu einem ganzen zusammen fügen. "71 Fragmente" dagegen hatte ein reales Ereignis als Ausschlag und als Endstation, ein umfassendes Ereignis was die Figuren näher zueinander rückte.
Ähnlich verhält es sich bei "Das weiße Band", wobei man hier sagen kann, man sieht einen typischen und einen untypischen Haneke-Film. Es ist sein erster historischer KINO-Film, sein erster Film in schwarz-weiß und sein erster Film nach 12 Jahren, den er wieder auf deutsch gedreht hat.

Eine Reihe von Unfällen, oder doch eher Anschlägen, bildet den roten Faden des Films. Über 140 Minuten wird man dieses Dorf kennenlernen, jenseits der Kriminal-Story, vermittelt der Film nicht nur eine ausführliche Beschreibung der damaligen Menschen, sondern liefert auch eine Parabel über die Entstehung des Faschismus im Besonderen und über die Ursachen von Terrorismus im Allgemeinen. Ein Spiegel der damaligen und heutigen Gesellschaft.

Der episodisch aufgebaute Film verweigert sich den üblichen dramaturgischen Dogmen. Da die Geschichte ja eine Nacherzählung ist, eine Rekapitulation alter Erinnerungen, ist das nur konsequent, so steckt der Film voller eigenständiger Szenen, Mini-Filmchen, die wie Anekdoten wirken und doch im ihren Ganzen einer Erzählung dienen. Beeindruckend! Haneke hat viele Jahre an dem Drehbuch gearbeitet und man merkt förmlich wie sich die Ideen aneinandergereiht haben, wie immer wieder eine neue Szene dazugekommen ist.

Thematisch erinnert mich der Film an Gerhard Hauptmann und den literarischen Naturalismus. Schon in Hauptmanns "Vor Sonnenaufgang" versteckte sich der Faschismus in den Winkeln der Gesellschaft. Ein junger gebildeter Mann verliebt sich in die Tochter eines Alkoholikers, schafft es allerdings nicht bei ihr zu bleiben, da er glaubt, dass sie die Krankheit ihres Vaters geerbt hat. Er will keine Kinder mit einer Frau, die "unreine" Gene hat. Sozial-Darwinismus war bereits der Anfang vom Ende. Bei Haneke liegen die Ursachen nicht in einem pervertierten Wissenschaftsglauben, sondern in der Familie, der Erziehung und autoritären Strukturen.

"Das weiße Band" ist auch ein Kinderfilm. Obwohl die erwachsenen Figuren öfter auftreten, das Interesse liegt bei den Kindern. Sie sind die wahren Hauptdarsteller. Was Haneke aus den jungen Darstellern rausgeholt hat, macht einen sprachlos. So gut geführte Kinderdarsteller habe ich noch nicht gesehen. Die Erwachsenen brauchen sich aber nicht zu verstecken. Jeder im Ensemble leistet außerordentliches. Von deutschen Top-Stars bis hin zu komplett neuen Gesichtern, die Besetzung bietet alles.

Man kommt aus dem Schwärmen schwerlich raus. So einen konzentrierten Film, der manchmal vor Spannung zerbirst und auf der anderen Seite fast einfriert, habe ich noch nie gesehen. Falls jemand noch Jungfrau im Bezug auf Hanekes Filme ist, sollte er schnellstmöglich ins Kino stürmen und damit anfangen, alle anderen natürlich auch. Wer mit Hanekes vorherigen Filmen nicht klar kommt, sollte es nochmal versuchen. Hier darf man einem wahren Meister zu sehen, der sein Handwerk perfekt beherrscht und es schafft jenseits von Skandal und Gewalt eine Geschichte ganz sensibel zu erzählen.

Wertung: 9/10


"Das Weiße Band - Eine deutsche Kindergeschichte"
DE, AU, 2009
Michael Haneke
mit Susanne Lothar, Burghart Klaußner, Ulrich Tukur


In tadelloser Qualität als DVD & Blu-Ray bei X-Filme erhältlich.


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