Samstag, 29. Mai 2010

SHOAH



An sich kommt man nur auf Superlative, denkt man an Claude Lanzmanns legendären Dokumentarfilm "Shoah". Dabei hat dieser Film nichts mit einer Legende gemein, sondern ist eine 9 1/2 stündige Bestandsaufnahme der Überreste des Holocaust in der Gegenwart.
Lanzmann verzichtet auf alles, was einen Dokumentarfilm bekanntlich "unterhaltsamer" macht. Es gibt keine eingespielte Musik und keinen Off-Kommentator, nur bloße, weiße Schrift und die Stimmen der Zeugen, der Übersetzer und des Regisseurs.

Gerade die Interviews sind wahre Dokumente der vergangenen Verbrechen. Wenn die Kamera immer drauf hält, ohne einen Schnitt zu machen, wenn die Opfer mit ihren Erinnerungen ringen, sie verdrängen wollen und meinen so einen Schrecken nicht in Worte fassen zu können.
Ja, Lanzmann stellt auch die Frage nach der Beschreibbarkeit der Ereignisse. An sich würde sein Film in sich zusammen fallen, würde er zeigen, dass die Erzählung, dem Erlebten nie gerecht werden kann, was ja auch so ist, aber Lanzmann hat einen ganz anderen Anspruch. Ihm geht es darum überhaupt etwas medial zu konservieren, damit es nicht in Vergessenheit gerät und oft sieht man auch, wie schwer es den Zeitzeugen fällt sich zu erinnern. Es muss festgehalten werden, auch wenn es unvollständig ist.

Dabei interessiert sich Lanzmann kein bisschen für historische Aufnahmen, nur weil es auf Film gebannt ist, ist dass Verbrechen nicht glaubhafter, nein, Film ist manipulierbar. Was nützt die xte Wiederholung der schwarz-weiß-verrauschten Bilder der Wochenschau, nur in der bloßen Reduktion der filmischen Mittel, im einfachen Abbilden des Gesichts des Interviewten, ergibt sich so etwas wie dokumentarische Wirklichkeit und "Shoah" ist reines Dokument.

Besonders herrausragend ist die Fragetechnik Lanzmann und sein Einfluss auf die Zeugen. Zuerst zieht er eine Schlinge aus eher harmlosen Fragen und zieht sie bei gewonnenem Vertrauen immer enger, nur um dann immer wieder die direkte Frage zu stellen: Was ist mit den Juden passiert? Und überall die gleiche Antwort. So wird Geschichte sichtbar.
Angesicht der vielen geschriebenen und gesprochenen Worte, könnte man als Cineast denken, einen äußerst unfilmischen Film zu sehen zu bekommen. Das Gegenteil ist der Fall: Durch die Schilderung der Verbrechen im Zusammenspiel mit den Bildern der Ruinen der Lager, ergibt sich ein filmisches Kunststück, was erst wieder Lars von Trier mit "Dogville" aufgreifen wird. Das Sichtbarmachen durch das Weglassen wird bei "Shoah" zu einer besonders schmerzhaften Erfahrung.

Trotzdem und das hört sich auf den ersten Blick sehr widersprüchlich an, kam es mir so vor, als wolle Lanzmann alles vom Publikum, NUR nicht sein Mitgefühl. In keiner Sekunde will er einen kathartischen Effekt herbeiführen. Dafür sorgt schon sein eigenes Auftreten im Film. Bei jeder noch so harten Frage und bei jeder noch so harten Reaktion des Zeugen, bleibt Lanzmann ruhig. Er zieht an seiner Zigarette und beim Ausatmen fragt er, wie hoch die Leichenberge waren.
Das ist weder kalt noch arrogant. Es ist die Haltung des Dokumentaristen gegenüber dem Wahnsinn, der längst vergangen ist, aber dessen Wunden nie geheilt werden können. Obwohl, will Lanzmann überhaupt, dass diese klaffende Wunde der Weltgeschichte, der deutschen Geschichte, je geschlossen wird? Ich denke nicht, es sei denn sie hinterlässt eine große Narbe, wie ein Mahnmal.

Wie bei einem herausragenden Dokumentarfilm üblich, beleuchtet der Regisseur alle Seiten der Medaillen. Juden, Polen, Historiker und Deutsche werden befragt. Gerade in den Interviews mit Deutschen, merkt man wie schwer die Wortfindung fällt. Ob die Frau eines Nazis oder ein Wachmann, alle haben das Problem den Holocaust in die Worte zu fassen, die sie wollen. Mal schwächen sie ab, mal werten sie auf, aber immer betonen sie ihre Unschuld und Unwissenheit, was bei einem der letzten Interviews schon zu einer Tortur wird.

Lanzmann bohrt tief mit der Schuldfrage und sieht die Endlösung nur als das Ende einer Reihe von kleinen Schritten an, die vom deutschen Volk, bei vollem Bewusstsein, gebilligt wurden. Wie man selbst dazu steht, sei dahin gestellt, unrecht hat Lanzmann aber nicht.
Erschreckend kommt zu Lanzmanns Untersuchung dazu, dass nicht nur die Ruinen der Todeslager überlebt haben, sondern auch das Gedankengut mit dem sie gebaut wurden.

Der Zuschauer, der wird allein gelassen mit diesen Berichten, mit den endlosen Fakten, zwischen Anzahl der Leichen und der Höhe der Bäume um das KZ, und muss Eigenverantwortung für sich und die Geschichte tragen.

Wertung: 9,5/10



"Shoah"
FR, 1985
Claude Lanzmann


Den Film gibt es jeweils in voller Länge auf 4 DVDs in einer normalen Box und in einer abgespeckten Studenten-Fassung.


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