Samstag, 29. Mai 2010

INGLOURIOUS BASTERDS



Der Film hat erhebliche Schwächen, aber auch erhebliche Stärken, zu denen ich später kommen werde.
Handwerklich ist IB vielleicht Tarantinos schlechtester Film.
Das liegt nicht am Konzept, der Idee ein Kriegsepos anhand von dramaturgisch losgelösten, überlebensgroßen und dennoch intimen Dialogszenen zu erzählen. Das gehört eindeutig zu den Stärken. Auch die Dialoge sind berauschend.

Was mich stört ist Diane Krüger. Das mag kleinlich klingen, aber bei dem großen Talent was Tarantino eigentlich hat, darf so etwas nicht vorkommen. Gerade weil Krügers Rolle ziemlich wichtig ist. Zum einen hat man da Christoph Waltz (über den schon alles gesagt wurde) und auf der anderen Seite diese anerkannte Schauspielerin unter GZSZ-Niveau. Sie schafft es beinah ein ganzes Kapitel des Films kaputt zu machen. Das geht nicht. Da darf man auch nicht einfach so drüber hinweg sehen, nicht bei Tarantino.
Und dabei sind die anderen Darsteller so gut, vorallem die Deutschen, inklusive Til Schweiger, denen die Spielfreude aus jeder Pore dampft und man sich von ihnen mitreißen lassen kann.

Ein weiterer Fehler Tarantinos ist die Nachlässigkeit beim Einsatz der verschiedenen Sprachen. Welchen Sinn hat es für Hans Landa bitte mit dem Franzosen in der ersten Szene englisch zu sprechen? ... Richtig, gar keine!
Genauso verwunderlich ist es, dass Shoshanna in ihrer flammenden Großaufnahme im Kino die Nazis auf englisch anklagt. Kann Hitler überhaupt englisch? Im Film sieht man ihn jedenfalls kein Wort englisch sprechen. Wäre doch doof, wenn die Nazis nicht verstehen, warum sie gleich zur Asche verbrannt werden.
Ok, der Deutsch-Anteil wäre dann höher als der Englisch-Anteil, aber wenn schon, denn schon.

Kommen wir nochmal zur ersten Szene.Diese Szene ist wie aus dem Bilderbuch und mit Fug und Recht behaupte ich, dass Tarantino bisher noch nichts besseres geschrieben hat. Leider steht diese Szene am Anfang und so müssen sich alle darauffolgenden damit messen. Ungünstig!

Ein weiterer Schwachpunkt ist die visuelle Unentschlossenheit.
Manchmal ist der Film gewollt grob, macht unschöne Schnitte, plumpe Musikeinlagen und anderes B-Movie-Gehabe. Auf der anderen Seite gibts Hochglanz, raffinierte Schnitte und schöne Kamerafahrten (Robert Richardson). Was denn nun???
Entweder Grindhouse oder Weltkino. Entscheide dich Quentin!

Trotz dieser Schwächen, ist Inglourious Basterds ist ein herausragender Film! Und das verdanken wir nicht den bekannten Tarantinoismen, sondern, suprise suprise, der Story!!!
Inhaltlich hat Tarantino mit IB seinen vielleicht besten Film seit Jackie Brown gedreht. Denn im Gegensatz zu Kill Bill und Death Proof, die mit lässiger Pose dem Zuschauer ihre Sinnlosigkeit ins Gesicht spuckten, geht es in IB wirklich um etwas, nämlich um den Unterschied zwischen Kino und Wirklichkeit. Für welche Seite sich Tarantino entschieden hat ist allgemein bekannt, doch es reicht nicht aus sich ins Kino zu flüchten. Tarantinos Filme betreiben keinen Eskapismus im Hollywoodesken Sinne, sie bekämpfen die Wirklichkeit und mit "Inglourious Basterds" holt Tarantino zum ultimativen Angriff aus. Mit einer feindlichen Übernahme oder einem Blitzkrieg hat das nicht viel zu tun. Tarantino handelt aus defensiven Motiven. Denn die Wirklichkeit hat schon viel länger das Kino attackiert als es umgekehrt der Fall ist.
Schon seit Beginn der bewegten Bilder haftet dem Film das Klischee an die Wirklichkeit nachahmen zu wollen oder zu müssen. Seit der erste vermeintlich echte Zug der Gebrüder Lumiere die schockierten Zuschauer überollte, kämpft das Medium für seine eigene Wirklichkeit. Das Theater hat seine Bühne, Echtheit entsteht nur durch Abstraktion. Dem Kino fehlte das lange Zeit und nur die ganz großen Regisseure wollten und wollen mehr, kämpfen gegen die Vorurteile der Wirklichkeit an und gestalten ihre eigene virtuelle Realität um der echten Realität den Spiegel entgegen zu strecken.

Dennoch wird dieser Kampf immernoch ausgefochten und gerade bestimmte Genre sind wahre Schlachtfelder dieser Kampfes. Das trifft auf die Literaturverfilmung zu, aber am schlimmsten hat der Historienfilm zu leiden, trägt er doch schon das Klischee im Namen. Die eigene Geschichte in bewegten Bildern sehen zu können, das war schon immer ein Traum des Menschen. Das Kino wurde zur Zeitmaschine, das dabei die echte Geschichte und das Kino verfälscht wurden, blieb auf der Strecke.
Peinlich genau werden "authentische" Kostüme, Kulissen, Requisiten, Pflanzen und Masken gefertigt, nur um dann eine dramaturgisch-veränderte, falsche Geschichte nach zu äffen.
Unter dem Deckmantel der Geschichte wird heute Geld gemacht, wird die Historie so verändert, wie das Publikum sie sehen will.
Und wenn der Zuschauer denkt, das Gesehene sei wirklich so passiert, dann gibt es auch keine inszenatorische Distanz mehr und somit kann man das Publikum auch nach Lust und Laune manipulieren. Es gibt einen Grund, warum Propagandafilme überwiegend Historie bebilderten.
Das Kino wurde schnell zum Propagandawerkzeug par excellence erklärt. Zum verlängerten Arm der vergangenen Wirklichkeit, der die Gegenwart kontrolliert. Das war ein herber Schlag für die Filmkunst. Die Wirklichkeit schien gesiegt zu haben.

Obwohl sich die Geschichte geändert hat, und in den Babelsberger Studios keine Propagandawerke unter Goebbels mehr entstehen. Die Methoden sind die gleichen.
Die wirklichen Verbrechen des NS-Regimes werden heute filmisch nachgestellt um sie wirklicher werden zu lassen. Obwohl die Motive dahinter edler sind als die eines Josef Goebbels, wird mit den gleichen Zutaten gekocht.

Es scheint so, dass Geschichte nur in Form eines Dokumentarfilms adäquat umgesetzt werden kann. Aber auch da wird Schindluder getrieben. Manche Dokus sind von Spielfilmen nicht zu unterscheiden, was pervers ist. Dennoch gibt es Dokumentarfilme denen das Unmögliche gelingt, z.B. "Shoah", aber der schafft es auch nur, weil er mit offenen Karten spielt. Der Zuschauer weiß immer, dass er eine Doku sieht. Er hört nicht nur die Fragen, die der Filmemacher stellt (wird ja gerne als unnötiger Ballast angesehen), sondern er hört sogar die Dolmetscherin übersetzen, ohne Schnitte, ohne Tricks, ohne die Möglichkeit in die Bilder "einzutauchen".

Ist der historische Spielfilm somit gescheitert? Weil er ein Paradoxon ist? Ist es nicht möglich mithilfe der Fiktion Vergangenenheit sichtbar zu machen? Wie beim Dokumentarfilm, dürfte man auch beim Spielfilm den Film nicht verleugnen.
Man muss mit offenen Karten spielen. Warum nicht mit 5 Assen?

Tarantino hat es gewagt und den vielleicht einzig "wahren" Historienfilm gedreht.
Dadurch, dass er die Geschichte falsch erzählt, Hitler tötet und den 2. Weltkrieg schneller beendet, macht er Geschichte sichtbarer als alle "Schindlers Liste" zusammen.
Denn ganz egal was für einen "moralisch"-unkorrekten Spaß man auch mit Tarantinos Nazi-Schlachtplatte hat, es gibt immer diese schmerzhafte Differenz zwischen der Fiktion und der Wirklichkeit, zwischen dem, was sein sollte und dem, was wirlich war. Die nun endlich sichtbare Linie zwischen Wirklichkeit und Kino ist wie ein Aufschrei an die Gegenwart: Warum kann die Realität nicht wie im Kino sein?

Wertung: 8,5/10


"Inglourious Basterds"
USA, 2009
Quentin Tarantino
mit Christoph Waltz, Brad Pitt, Melanie Laurent


In den verschiedensten Editionen auf Blu-Ray & DVD erschienen. Ich bin wunschlos glücklich.


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