Samstag, 29. Mai 2010

SWEET AND LOWDOWN


Woody Allen arbeitet mit Mitteln des Dokumentarfilms um seine fiktive Künstlerbiografie so wirklich wie möglich zu machen. Jazzmusiker, Musikwissenschaftler und Jazzfan Allen persönlich sprechen über diesen Emmet Ray, den es aber nie gegeben hat. Das wusste ich natürlich nicht und von Jazz habe ich mal so gar keine Ahnung. Als ich dann am Ende mir mal das Booklet durchlas, erfuhr ich die Wahrheit und war überaschenderweise nicht enttäuscht, dass dieses „Nach einer wahren Begenbenheit“ nicht der Fall war. Woran das lag? Ja, dieser Film ist so überraschend, erfrischend, witzig, traurig und wunderschön zugleich, dass es unwichtig ist wieviel wahres dran ist. Allen erzählt viel eher eine Geschichte über den Jazz selbst und schafft es hervorragend die Musik einem schmackhaft zu machen.
Anhand der Figur des Emmet Ray, wird nicht nur das Wesen des Jazz beschrieben, es geht auch um die Kunst an sich, der Verbindung zwischen Künstler und Werk. Treibende Kraft der Kunst und des Jazz im Speziellen, ist für Allen, Leidenschaft, Gefühle und Selbstaufgabe. Es geht um Leidensbereitschaft den eigenen und Gefühlen anderer gegenüber.

Dass es diesen Emmet Ray nicht gegeben hat, gibt Allen die Möglichkeit mit Fiktion zu spielen. So wird die Szene in der Ray die Untreue seiner Frau entdeckt aus 3 unterschiedlichen Perspektiven erzählt. Dazu kommen noch so viele tolle Einfälle. Allens Film ist ein Spaß für Cineasten. Zuvor sah man Ray noch nach Geld für ein neues Auto betteln, durch Zufall landet er in einem Versteck von Falschgeldmachern- SCHNITT- wir sehen ihn mit dem neuen Auto umherfahren. Die Bilder, die Montage, die Erzählung, alles ist sehr filmisch und korrumpiert aber zu keiner Zeit die musikalische Ebene des Films. Hier arbeiten zwei Kunstformen perfekt zusammen.

Was wäre dieser Film aber ohne die Schauspieler. Sean Penn ist Sean Penn und somit großartig als Ray. So ein arroganter und selbstgefälliger Typ, dem man aber ambivalenter Weise gerne folgt. Warum? Weil er so schön Gitarre spielen kann. Das klingt jetzt blöd, ist aber die Wahrheit. Allen inszeniert diese Verbindung zwischen Zuschauer und Figur, in der Szene, in der sich Hattie in Ray verliebt, mit. In einer Halbtotalen, in klassischer Bergman-Manier, teilt sich das Bild räumlich in zwei Teile, das Bett auf dem Ray sitzt und Gitarre spielt und das Badezimmer in dem sich Hattie fertig macht. Während Ray spielt, zoomt die Kamera langsam heran, Hattie tritt aus dem Badezimmer heraus, lehnt sich an den Türrahmen und lauscht der Musik, die Gefühle in ihr nehmen Überhand. Ray sieht das nicht. Er ist mit dem Rücken zu ihr gedreht. In diesem Moment, regte sich in mir, wie auch in Hattie der unabdingbare Folgenswillen zur Hauptfigur. Sie bleibt interessant und ich folge ihr bis ans Ende.

Diese Hattie ist gleich einen Extra-Absatz wert. So wie Samantha Morton sie spielt, so still, lebhaft und mimisch. Am Anfang wirkt sie zwar wie das kleine Dummerle, was niedlich ist, aber zum Ende hin wächst sie über Ray hinaus in sozialer wie emotionaler Sicht. Eine tolle Frau.

Dagegen kann Uma Thurman als Blanche zwar nicht anstinken, aber ihre Figur bekommt den richtigen Drive durch ihren nervigen Protokollierungswillen. Das komplette Gegenteil zu Hattie. Blanche fasst alles in Worte.

Am Ende werden wir Zeuge, wie Ray seine Gitarre zerschlägt vor Kummer, dass er Hattie verloren hat. Die Kamera fährt mit dem Kran nach oben und endet in der Distanz zur Figur. Die letzten Sätze der Interviewten bezeugen das Ray danach besser denn je war, aber dass er dann auch in der Geschichte verschwand. Der Künstler stirbt, das Werk bleibt. Zwar hat Woody Allen mal gesagt, dass er die Unsterblichkeit nicht durch seine Filme erreichen wolle, sondern durch die Fähigkeit einfach nicht zu sterben, aber mit "Sweet and Lowdown" beweist er das Gegenteil. Allen versöhnt sich mit dem Tod auf musikalische und filmische Art zugleich.

Wertung: 8/10


"Sweet and Lowdown"
USA, 1999
Woody Allen
mit Sean Penn, Samantha Morton, Uma Thurman


Mit wenig Extras, aber in guter Qualität in der Arthaus-Collection erhältlich.


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