Montag, 12. Juli 2010

FOLLOWING



Im Angesicht des baldigen Kinostarts von "Inception" und der seit "The Dark Knight" vorherrschenden Nolan-Euphorie, möchte ich doch gerne nochmal auf dieses kleine Meisterwerk aufmerksam machen, was dem Großteil der Nolanisten wohl noch unbekannt ist, obwohl es den Film seit "The Dark Knight" in einer mehr als günstigen DVD-Fassung gibt.

Für meine Begriffe ist "Following" nicht nur eine filmische Offenbarung, sondern in erster Linie wirklich Nolans bester Film. Auf den ersten Blick mag es traurig erscheinen, dass die späteren, teureren und prestigeträchtigeren Filme eines Regisseurs nicht mit seinem Debüt mithalten können. Allerdings gibt es auch nur ein paar Filmemacher, die einen Film in der Klasse von "Following" vorzuweisen haben. In dieser Hinsicht kann Nolan schon auf sich stolz sein. Es ist ja nicht so, dass seine späteren Filme wirklich schlechter waren. Sie waren trotzdem noch überdurchschnittlich gut. "Memento" kommt qualitativ noch am nächsten an "Following" heran. "Insomnia" war ein sehr trockenes und unaufgeregtes Remake, was mich sehr gefesselt hat. "Batman begins" ist das Sinnbild eines geglückten Reboots, obwohl das Original besser war. "The Prestige" ist ein filmisches Gewitter, überkonstruiert und voller Leidenschaft für seine Erzählung. "The Dark Knight" war dann natürlich der kommerzielle Breakthrough den man Nolan gegönnt hatte. Mit "Inception" kommt nun ein noch teurerer und aufwendigerer Blockbuster, allerdings zu 100% aus der Feder Nolans selbst und somit die Chance auf ein anspruchsvolles Kino-Erlebnis, mit Betonung auf Erlebnis!

Inwieweit die größeren Budgets Nolans spätere Filme schlechter gemacht haben, will ich garnicht beurteilen. Man merkt aber eine Tendenz, wobei man -wie schon gesagt- die Nolan gerne verzeiht, eben weil er so ein Meisterwerk wie "Following" als DEBÜT(!) abgeliefert hat.

Was ist denn nun dieses ominöse "Following"? Der Film geht knapp 80 Minuten, wurde auf 16mm-s/w-Film gedreht (nix mit miniDV!) und mit Freunden und Verwandten realisiert. Die Dreharbeiten zogen sich über ein Jahr hin und wurden abseits der Arbeit und des Studiums durchgezogen. Nolan studierte damals noch Anglizistik. Sein Team rekrutierte er überwiegend aus dem Uni-eigenen Filmklub mit dem Nolan schon den ebenfalls wunderbaren Kurzfilm "Doodlebug" produzierte. "Following" ist ein waschechter No-Budget-Film bei einem Budget von ca. 6000 Pfund, die in erster Linie wohl für das Filmmaterial drauf gegangen sind. Er war somit weitaus günstiger als andere bekannte Low-Budget-Debüts wie z.B. "Pi" oder "Clerks".

Das wirklich herausragende an "Following" ist, dass man ihm sein (wirklich geringes) Budget kaum ansieht. Im Gegensatz zu anderen bekannten No-Budget-Debüts, wie Peter Jacksons "Bad Taste" oder Robert Rodriguezs "El Mariachi" sind alle Produktionstechnischen Mittel auf das Drehbuch angepasst. Der Film brauchte einfach nicht mehr Geld. Bei den anderen genannten Filmen sieht man das geringe Budget, wodurch die Filme absichtlich wie B-Movies wirken und es wahrscheinlich nicht anders konnten. So könnten angehende Filmemacher zu dem Trugschluss kommen, dass man mit so einem kleinen Budget wirklich nur Trash-Filme drehen kann. "Following" widerlegt das meisterhaft.

Selbst die schauspielerischen Leistungen fallen nie negativ auf, was bei No-Budget-Filmen mehr die Regel darstellt, obwohl das doch eigentlich etwas ist, was am wenigsten kostet. Es müssen ja nicht immer ausgebildete Schauspieler sein.
Wenn man den Film öfter sieht, fällt einem umso stärker auf wie genial man das Budget genutzt hat. Ich wage sogar zu behaupten, dass "Following" mit mehr Geld schwächer geworden wäre. Gerade die Form des Guerilla-Filmmakings, Handkamera auf die Schulter, Schauspieler auf die Straße und los gehts, passt inhaltlich so verdammt gut zu "Following". Ey, es geht schließlich um einen Typen, der einfach durch die Fussgängerpassagen läuft und anfängt Leute zu verfolgen. Sowas wirkt doch nicht, wenn man für viel Geld die Straße absperrt und alles voller Statisten stellt. Nolan wollte echte Passanten, echte Kamerablicke, echten Voyeurismus (das Hauptthema Followings).

Auch die Kamera ist ein wahrer Schmaus (von Nolan selbst geführt). Natürlich sieht man das sie nicht viel Geld gekostet hat, aber sie ist nicht nur völlig ausreichend, sondern diese Form war mehr als notwendig. Nolan beschwört den Film-noir wie kein zweiter. Das Schwarz-Weiß in "Memento" war dagegen viel zu sehr Hochglanz. "Following" liegt zwar näher an "Außer Atem" als an "Laura" z.B., aber das Bild eines amoralischen Großstadtssumpfes wird durch die teils wackligen Handkamera-Aufnahmen und das natürliche Licht umso ungekünzelter.

Eigentlich gibt es an diesem Wunderwerk von Film nicht zu bemeckern, falls ja, wäre das kleinlich. Was hier geleistet wurde, geht über alles hinaus zu dem Hollywood-Produktionen jemals fähig wären. "Following" atmet bei jedem Frame echtes Leben. Es ist ein Kunstwerk, ein wirkliches Kunstwerk. Auch wenn Nolan sich vielleicht nicht als Künstler sieht. Er ist es. "Following" beweist es.

Ich habe nun realtiv wenig über den Film direkt gesprochen. Wer will schon eine reine Aneinanderreihung von orgasmischen Lobhuldigungen lesen?
Egal, der Film ist einfach überragend. Seht ihn euch bitte an! Seht ihn euch bitte mehrmals an! Mehr kann ich nicht sagen.

Manche denken sich bestimmt: "Ist mir doch egal wie der Film gemacht wurde. Was zählt ist der Film." Wenn man der Meinung ist, dass Filme einfach so aus dem Boden wachsen, kann man das so sehen. Spätestens seit der Nouvelle Vague sollte ja die Entstehung eines Films teil des Werkes sein.

Auf der anderen Seite könnte man fragen: "Warum hat der denn 6000 Pfund für Filmmaterial ausgegeben? Hätte ja auch auf DV drehen können. Hätte er noch mehr Geld gespart." Denjenigen stecke ich Kopf-schüttelnd meinen Mittelfinger entgegen. Nolan ist ein Filmfreak. Er liebt Film, also diesen veralterten Plastikstreifen und er dreht bis heute auf Film, auch "Inception", was auch der Grund ist, warum der Film nicht in 3D kommt, sehr sympathisch!

Ich komme mal zum Schluss. Was bleibt ist die Gewissheit, dass "Following" ein absolutes Meisterwerk ist und der Apell: "Gute Filme müssen nicht viel Geld kosten!" Keine neue Weisheit, aber sie wird gerne vergessen.

Wertung: 10/10 !


"Following"
GB, 1998
Christopher Nolan
mit Jeremy Theobald, Alex Haw, Lucy Russell


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