Donnerstag, 21. Oktober 2010

THE FOUNTAIN


In seinem 3. Film lässt Aronofsky Hugh Jackman und Rachel Weisz nach der ewigen Liebe suchen und findet doch nur triefenden Kitsch.

Kino hat selten mit Schauwerten zu tun. Bei allem was gezeigt wird, interessiert oftmals mehr das, was nicht gezeigt wird. Es gibt ja den geläufigen Begriff "unverfilmbar". Das ist Quatsch. Unkreative Menschen ohne Fantasie bezeichnen Filmstoffe (z.B. Romane) dann als "unverfilmbar", wenn das geschriebene Wort nicht direkt -ohne interpretative Umwege- in Bilder umsetzbar ist. Das wird gerne bei komplexen Gedanken oder Sinneseindrücken fern der Augen und der Ohren behauptet. Warum schafft es aber eine Feder dies darzustellen? Weil sie verwandelt, interpretiert und abstrahiert. Wörter sind nichts anderes als Abstraktionen der Wirklichkeit. Die guten Filme wandeln das "Unverfilmbare" in Bilder um, die nicht nur zeigen, sondern eher anregen zum inneren Sehen. Es geht nicht wirklich um das, was ich sehe, sondern eher um das was das Gezeigte in mir auslöst. Nur so gelingt es das nicht-gegenständliche, das metaphysische, das surreale zu verfilmen.

Würde man das Drehbuch zu "The Fountain" lesen, käme schnell das Wort "unverfilmbar" in den Sinn. Wie schon gesagt, das ist Quatsch. Man hat verschiedene Möglichkeiten es darzustellen. Aronofsky hat es falsch gemacht. Gerade die Zukunftsepisode entbehrt jeglicher Interpretation. Sie besteht aus hohlen Bildern, die Sinn ergeben sollen. Die esoterische/buddhistische Bildsprache trieft vor Kitsch, da der Regisseur versucht mit bewährten Tricks das Unzeigbare zu zeigen. Selten wagt es der Film seine wahrhaft großen Themen filmisch zu umschreiben, sie verständlich zu interpretieren. Er zeigt sie einfach mit allen Mitteln der CGI-Technik. Wie ein kleines Kind, was mit Buntstiften Gott malt. Wen interessiert das schon?

Nur in der Gegenüberstellung der 2 weiteren Epochen gelingen die guten Momente des Films. Wenn Aronofsky z.B. ein und die selbe Kamerabewegung 3-mal benutzt. Da ergeben sich Gleichnisse und Umschreibungen zu denen nur der Film in der Lage ist.
Trotz des hohen Budgets kommt das Szenenbild eher kläglich daher. Vieles wurde nachträglich digital eingefügt um sich die teuren Studiobauten zu sparen. Dabei hätte eine Waldlichtung mehr den südamerikanischen Dschungel ganz anders aussehen lassen.

Es gibt eigentlich nur eine Szene, die filmisch gelungen ist. Das ist die Audienz bei der spanischen Königin, der edle, geheimnissvolle Thronsaal mit den vielen hängenden Kerzen, den Säulen und dem Käfig der Königin, Rachel Weisz Gesicht hinter den Mustern, wunderschön. Obwohl der Dialog zwischen Herrscherin und Ritter rein handlungsoriertiert bleibt und schwerlich als Poesie bezeichnet werden kann, zeigen die beiden Hauptdarsteller hier ihr wahres Können. Eine tiefe innige Verbundenheit, eine Liebe, die keine sein kann, das alles vermitteln die beiden Schauspieler nur über ihre Augen und Aronofsky findet die richtigen Bilder sie in Szene zu setzen.

Es ist schade wie vergeudet der Rest des Films dabei wirkt, mit seiner schwerfälligen Symbolik und aufdringlichen Ernsthaftigkeit. Hier sind eindeutig die Regie-Pferde mit Aronofsky durchgegangen. Einzig die Filmmusik bleibt auf hohem Niveau und arbeitet mit der angemessenen Abstraktion. Sie vermittelt ohne zu zeigen.

Wertung: 4,5/10


"The Fountain"
USA, CH, 2006
Darren Aronofsky
mit Hugh Jackman, Rachel Weisz, Ellen Burstyn


Auf DVD und Blu-Ray erhältlich!


Sonntag, 17. Oktober 2010

THE SOCIAL NETWORK


Nach dem seltsamen Durchfall des „Benjamin Button“, ergründet Fincher das Web2.0 aus einer ganz irdischen Perspektive.

Es scheint gerade einen neuen Trend unter den Kritikern zu geben. Das ist mir im Zuge der überschwänglichen Rezeption von Finchers neuem Film „The Social Network“ aufgefallen.
Hier und da liest man, dass Finchers größter Verdienst darin liegt, dass er sich selbst so weit wie möglich zurückgenommen hat. Das wird dann als Reife interpretiert. Ja, „The Social Network“ sei Finchers bisher reifste Regiearbeit. Reifeprüfung bestanden, folgt nun der Highway to boredom? Denn wenn sich inszenatorische Reife im reinen Reduzieren filmischer Mittel zeigt, dann kann ich getrost auf reife Filmemacher verzichten.

Natürlich „The Social Network“s Stärken liegen im großen und ganzen in seinem Reduktionismus, nur Fincher wirkt nicht so als wäre er reifer geworden (das war er vorher schon). Allerdings hat sich die Regie auch hier und da Schwächen geleistet und das dominante Drehbuch von Aaron Sorkin nicht genügend in die Schranken gewiesen, Beispiel gefällig? Sorkin scheint mehr mit dem Theater verwurzelt als mit dem Kino. Das zeigt sich positiv in seinen langen und dichten Dialogen, aber das zeigt sich auch negativ im vollkommenen Ausblenden einer Bildebene. Als Sean Parker von Facebook erfährt, schreibt er sich die Kontaktdaten von Mark Zuckerberg auf. Anstatt Fincher das einfach filmt, kann ja nicht so schwer sein, Sean holt einen Stift raus und schreibt sich den Namen auf, nur zwei simple Einstellungen und der Zuschauer weiß was Sache ist. Nein, Sorkin lässt Parker so etwas sagen wie „Ich finde dich Mark Zuckerberg.“ Wohlgemerkt, es ist niemand im Raum. Er spricht also zu sich, führt Selbstgespräche, passt auch zur Rolle, dennoch handwerklich spricht er es zum Publikum, was übersetzt heißt: „Hey, die Kamera bleibt die ganze Zeit auf meinem Gesicht und kann jetzt nicht zeigen, wie ich einen Zettel raus hole und den Namen aufschreibe. Wir wollen weniger filmische Mittel einsetzen, dass ist unser Stil.“ Der Film hat öfter solche Momente, wo manche Sätze etwas deplatziert wirken und man mehr auf Bilder hätte vertrauen müssen.

Wie eben erwähnt scheint das dem Stil geschuldet zu sein. Ich schätze Fincher und Sorkin so reif ein, dass sie wissen was sie tun. Ich respektiere jeden Stilwillen, wenn er angebracht ist und auch durchgezogen wird. Nur leider leistet sich Fincher im Mittelteil eine rein filmische, hervorragend montierte und brillant fotografierte Sequenz eines Ruderbootrennens, was stellvertretend für die Niederlage zweier reicher (aber amüsanter) Zwillingsschnösel dienen soll. Das ist natürlich super gemacht. Ich liebe solche Sequenzen und ich finde sie auch wunderbar passend. Allerdings wenn sich Fincher schon so was leistet, warum kann er nicht auch dem Autor erklären, dass man innere Monologe besser für sich behält?

Ansonsten hat Mr. Sorkin einen großartigen Job geleistet, sei es bei der Erzählstruktur des Films, den messerscharfen und schnellen Dialoge, den subtilen Charakterisierungen oder der gründlichen Recherche. Da Fincher und Sorkin beide nicht zur Generation der „digital natives“ gehören, verwundert es nicht, dass sie sich herzlich wenig für das eigentliche Facebook interessieren. Zwar strotzt der Film immer noch vor technischen Vokabeln und Computerbildschirmen, aber das ist nie so wichtig wie das soziale Geflecht zwischen den Figuren.

Darum geht es schließlich in „The Social Network“. Es mag schade sein, dass die eigentlich laufende Datendebatte und Privatsphären-Demontage es nicht in den Film geschafft haben und wenn dann nur am Rande, aber es ist wirklich so, dass Mark Zuckerberg ebenso ein Spülmittel hätte erfinden können, der Film wäre fast derselbe.

Sorkin hat sein Drehbuch gründlich von allem Zeitgeist entschlackt und es auf die universalen Themen Freundschaft, Verrat, Neid und Gier reduziert, der Stoff aus dem große Dramen sind. Dabei begeht er nie den Fehler der Dichtung die Führung zu überlassen. Das Melodram gewinnt nie die Oberhand. Die Konflikte bleiben subtil, realistisch und im historischen Kontext nachvollziehbar. Dadurch zeichnet „The Social Network“ natürlich ein präzises Bild unserer Gesellschaft. Historisch wird das ganze aber erst in 20 Jahren interessant sein.

Auf der reinen dramaturgischen Ebene ist Sorkins Buch schon ein Meisterstück. Ohne das es eine dramatische Fallhöhe für die Protagonisten gibt, niemand ist in Gefahr zu sterben oder alles zu verlieren, ist der Film ein Thriller, was die Spannung betrifft. Die zwei Stunden vergehen wie im Flug, da permanent die Aufmerksamkeit des Zuschauers gefragt ist, sei es aufgrund der komplexen Erzählstruktur oder der schnellen Dialoge. Sorkins Texte gaukeln uns stets vor, dass es um überlebenswichtige Dinge geht. Nun gut, wir wissen Facebook wird ein Milliardengeschäft, aber überlebenswichtig? Hier arbeitet ein Autor perfekt im Geiste des Publikums, manipulativ und höchst effektiv.

Auffällig bleibt doch, dass bis auf Zuckerberg, die restlichen Figuren relativ oberflächlich behandelt werden, was bei fiktiven Figuren grässlich werden kann. Bei realen Personen fände ich es dagegen anmaßend ein komplettes psychologisches Profil zu skizzieren, was dann ohnehin nicht authentisch ist, da man den Leuten ja schlecht in die Köpfe gucken kann. Als Autoren-Gott kann man seine fiktiven Figuren psychologisieren wie man will, lebende Personen genießen da doch eine gewisse Immunität. Auf der anderen Seite deutet Sorkin auch viel an und überlässt gleichzeitig viel dem Zuschauer, der sich ein eigenes Bild von Zuckerberg, Parker und Saverin bilden kann.

Betrachtet man Finchers letzte Werke, „Benjamin Button“ und „Zodiac“, so ist auffällig, dass die Handschrift der Drehbuchautoren sichtbarer geworden ist. Bei „The Social Network“ hat sich das noch verstärkt, denn eigentlich ist das ein „Fincher/Sorkin Picture“.
„Zodiac“ skizzierte noch viel präziser ein historisches Bild und baute stark auf das faktenreiche Drehbuch von James Vanderbilt. In „The Curious Case on Benjamin Button“ zeichnete sich Eric Roth („Forrest Gump“) als Autor verantwortlich, wodurch der Film ja so schrecklich wurde. Die Autorenkräfte werden stärker. Indirekt proportional scheint dagegen Finchers Handschrift zu schwinden, was ja, wie eingangs erwähnt, viele Kritiker als Reifezeugnis miss-interpretieren.

Finchers Handschrift ist immer noch gleichstark. Wenn es einen Film gibt, der wenig Fincher in sich trägt, dann ist es „Alien 3“. Zwar besitzt dieser Film die schon charakteristische Bildsprache, aber inhaltlich hat der Film wenig mit Fincher zu tun. Ich finde es wichtig zu erkennen, dass sich die Handschrift eines Regisseurs nicht nur in seinen Bildern zeigt, sondern auch in der Wahl seiner Inhalte. Im Zentrum von Finchers Filmen steht meistens eine kranke Seele. Dazu kommt das seine Helden meistens im Doppelpack auftreten, siehe „Fight Club“, „Sieben“, „Zodiac“, „Panic Room“. Eigentlich dreht er Buddy-Movies. Darin steckt natürlich, ähnlich wie bei Cronenberg, eine Idee der Dualität, jede Figur, je eine Seite einer Medaille. Natürlich sind das keine festgelegten Zutaten für einen Fincherfilm. Es sind Indizien und Fincher selbst befolgt sie mal mehr mal weniger. Sicher ist, dass sich alle Filme von ihm inszenatorisch ähneln und das er seinen Stil zwar auf jeden Film anwendet, ihn aber nach dem Inhalt modifiziert.

Wichtig zu nennen wäre auch das Element der Kamera. Lange bevor Fincher Kinofilme drehte, hatte er die Zeit sich einen visuellen Stil zu erarbeiten. Interessant scheint schon mal, dass er nicht immer mit dem selben Kameramann arbeitet, Alex Thomson (Alien 3), Darius Khondji (Sieben, Panic Room), Harris Savides (The Game, Zodiac), Jeff Cronenweth (Fight Club, The Social Network), Claudio Miranda (Benjamin Button).
Während Khondji eine stilisierte (und manchmal sich verselbstständigende) Kamera bevorzugt, arbeitet Cronenweth gerne mit statischen Perpsektiven und einem hohen Grad an Tiefenunschärfe. Savides dagegen ist ein Grafiker. Er sucht gerne die Symmetrie und Parallelen, was solchen Filmen wie „The Game“ und „Zodiac“ sehr entgegenkam.

Film bleibt also eine Gemeinschaftsarbeit und die Auswahl des Teams entscheidend für seine Gestalt. Hitchcock drehte fast immer mit dem selben Team und seine Filme ähnelten sich stilistisch dementsprechend, was vom Großmeister, der laut Truffaut stets den gleichen Film gedreht hatte, natürlich beabsichtigt war.
Fincher ist anders. Seine „camera stilo“ ist wandelbarer, was solch unterschiedliche Filme wie „Panic Room“ und „Zodiac“ zustande brachte. Das waren ja auch inhaltlich sehr unterschiedliche Filme. „Panic Room“ hätte man nie so reduktionistisch wie „The Social Network“ oder „Zodiac“ drehen können. Das wäre eine Maske gewesen, die dem Film nicht gut gestanden hätte. Fincher war also nicht „unreif“ als er „Panic Room“ gedreht hat.

Ein anderes Beispiel sind seine zwei Serienkiller-Filme, „Sieben und „Zodiac“. Thematisch ähnlich, aber grundverschieden umgesetzt. „Sieben“ war eine Versuchsanordnung, eine Drehbuchkonstruktion, rein fiktiv also, mit einem ständig verregneten New York, aufwändigen Décors, einem tickenden Metronom und einer U-Bahn, die durch die Wohnung rauscht. So was wird erfunden und artifiziell fotografiert. Dagegen „Zodiac“ als detailgetreue Rekonstruktion mit einem Kaleidoskop-artigen Figurenreichtum, trockener Bildsprache und vielen Fakten. Zwar behandeln beide Filme die Ohnmacht der Polizei gegenüber einem kranken Genie, aber dadurch, dass das eine frei erfunden und das andere wirklich passiert ist, fällt die Umsetzung so unterschiedlich aus.

Finchers nächstes Projekt wird die Verfilmung von Stieg Larsons „Verblendung“, einem fiktiven Roman mit klassischer Kriminalhandlung. Dieser Film wird sich enorm von „The Social Network“ absetzen, ebenso von „Zodiac“. Man kann etwas in Richtung „The Game“ erwarten, denke ich. Was heißt das? Fincher wird wieder unreif und infantil? Natürlich nicht, er macht einfach sein Ding und das macht er verdammt gut.

Wertung: 8/10


"The Social Network"

USA, 2010

David Fincher

mit Jesse Eisenberg, Andrew Garfield, Justin Timberlake


Nur im Kino!



Sonntag, 3. Oktober 2010

ENTER THE VOID


Gaspar Noés neues Grenzwerk beginnt als beeindruckende Meditation über filmische Wahrnehmungen und endet leider im blanken Manierismus.

Ganze acht Jahre ist es schon her, dass der französische Experimentalfilmer Gaspar Noé mit „Irreversibel“ die Kinowelt in Aufruhr versetzte. Der konsequent rückwärts-erzählte Film untersuchte Gewalt-Mechanismen im Kontext einer unaufhaltsamen Schicksalsspirale.

Der Kameramann Benoit Debie gestaltete den Film als quasi lückenlose Gesamterfahrung, die durch unsichtbare Schnitte den Eindruck einer kompletten Plansequenz ergab. Dazu tritt die Kamera hier stets als Subjekt auf, was nicht heißt, dass der Kamerablick dem Blick einer handelnden Figur gleichkommt, viel eher wird man sich der Kamera immer wieder bewusst gemacht. Durch auffällige Schwenk-, Neig- und Kreisbewegungen kommt man als Zuschauer gar nicht umhin nicht auf die Kamera zu achten. Sie existiert als sichtbares Fenster zur Filmwelt.

Bei „Irreversibel“ spielte die Kamera in der ersten Hälfte verrückt und bewegte sich so als würde sie dem Publikum die Orientierung verweigern. Erst allmählich wurde die sie immer ruhiger bis sie zum Schluss nur noch dokumentarisch auftrat.

Ein engagiertes Kamera-Konzept hat auch „Enter the Void“ zu bieten und auch hier zeigt sich Debie für die Gestaltung verantwortlich. Während die Kamera in „Irreversibel“ nur subjektiviert war, wird sie in Noés neuem Film wirklich zu einer Subjektiven, nämlich zum Blick der Hauptfigur.

Oscar lebt in Tokio und verdient sein Geld als Drogendealer. Mit dem Geld will er zudem seine Schwester zu sich holen. Beide wurden als Kinder getrennt als die Eltern bei einem Unfall starben. Doch sie gaben sich das Versprechen immer für einander da zu sein. Die Wiedervereinigung der Geschwister kann aber nur schwer das frühkindliche Paradies zurückbringen und so werden die beiden vom Nachtleben Tokios aufgesogen.

Der Film teilt sich drei Teile und untersucht verschiedene Bewusstseinsströme. Zu Beginn sehen wir konsequent aus der Perspektive Oscars, sogar das Augenblinzeln wird durch Abdunkeln der Leinwand dargestellt. Alles scheint in Echtzeit abzulaufen, wodurch das subjektive Zeitgefühl durch einen gelegentlichen Drogenrausch Oscars stark verändert werden konnte. Dieser erste Teil entspricht der visuellen Gegenwartswahrnehmung eines jeden Menschen.

Im zweiten Teil ändert die Kamera nur leicht ihre Position. Sie stellt sich direkt hinter Oscar und nimmt seinen Hinterkopf ins Bild. Nur durch eine kleine Veränderung der Position ändert sich der Bildeindruck erheblich. Die Kamera ist nun objektiv, aber nur im Bezug auf die gedankliche Version Oscars. Denn wie sich herausstellt ist auch diese Perspektive eine Subjektive. Es ist der Blick Oscars der sich erinnert, dessen Leben an ihm vorbeirauscht. Hier darf der Film ja nun unvermittelt in der Zeit springen, ein Lidschlag, eine andere Erinnerung.

Im letzten und längsten Teil des Films bleibt die Kamera zwar subjektiv, sie zeigt nur nicht mehr die Perspektive eines lebenden Menschen, sondern wird zum Auge einer wandernden Seele, die nun die Hinterbliebenen beobachtet. Hier wird die Kamera nun endgültig entfesselt. Debie durchdringt mit seiner Linse Häuserwände, menschliches Fleisch, kann in luftige Höhen gleiten und mit Lichtquellen durch die Zeit reisen.

Noé geht es natürlich hauptsächlich um diesen Teil. „Enter the Void“ möchte den Tod erfahrbar machen oder viel eher die Suche der Seele nach Reinkarnation. Dabei bietet der Film gerade in den ersten beiden Stücken seine stärksten Momente. Denn hier nimmt sich zum ersten Mal ein Filmemacher die Zeit sich mit subjektiver Wahrnehmung im Film auseinander zu setzen.

Der 1947er film noir „Lady in the Lake“ von Robert Montgomery hat Noé persönlich sehr beeinflusst. Schon dieser Film wurde komplett aus der Subjektiven des Helden erzählt. Laut Wikipedia soll dann noch eine Portion Pilze nachgeholfen haben, wodurch Noé auf die Idee kam seinen Jenseits-Film auch aus dieser Perspektive zu erzählen.

Es liegen dennoch zwischen beiden Filmen Welten. Obwohl beide eine kohärente Geschichte erzählen, bewegt sich das klassische Vorbild auf weitaus konventionellerem Terrain. Denn Noés strenge Durchführung seines formalistischen Konzepts kann sich nie die Freiheit erlauben Kompromisse gegenüber der Handlung einzugehen, was gerade im späteren Verlauf dem Film enorm viel Wind aus den Segeln nimmt.

In den ersten beiden Teilen des Films wird sehr eindrucksvoll klar inwieweit die Subjektive im Kino bekannten Wahrnehmungsbildern ähnelt. Lässt man sich darauf ein so kann man als Zuschauerperson gänzlich verschwinden und sich komplett in der Perspektive des Protagonisten verlieren. Meine Kinobegleitung kommentierte das äußerst punktiert und mit einem leichten ironischen Unterton am Ende der Vorstellung: „Ich hatte schon die Befürchtung, ich selbst würde vergessen zu blinzeln, da das ja der Film schon für mich erledige.“

Obwohl fast abwesend lohnt sich gerade zu Beginn ein genauer Blick auf den Schnitt. Denn auch wenn die eigene Subjektive keine Ortswechsel und Zeitsprünge erlaubt. So arbeitet Noé mithilfe des imtierten Lidschlags an einem klaren Schnittrythmus. Denn jede mikrosekündliche Ab-und Aufblendung der Leinwand erzeugt Brüche in der Zeitwahrnehmung, was Noé meisterhaft zum kaum bemerkbaren Raffen der Handlung nutzt (z.B. der Weg von Oscars Wohnung ins Void).

So ist es doch auch in der Realität. Nicht nur das die eigene Wahrnehmung um ca. eine halbe Sekunde verzögert ist, da unser Gehirn die Sinneseindrücke erstmal verarbeiten muss, nein, auch unser Lidschlag gleicht einer Montage, nicht nur visuell sondern auch mental.

Wenn man Schauspieler mal genauer beobachtet, dann sieht man wie sie ihren Text in Gedankenpakete aufteilen, die je nach Aktion und Reaktion aufgegriffen und verworfen werden. Dieser Gedankenwechsel wird meistens durch einen Lidschlag unbewusst sichtbar. Deshalb nutzen so viele Cutter auch den Lidschlag als Moment eines Perspektivenwechsel, ein Lidschlag, ein neuer Gedanke. Dadurch kommt es realtiv selten vor, dass man Schauspieler in Filmen blinzeln sieht.

Nun bei „Enter the Void“ ist der Lidschlag nicht nur sichtbar, er fragmentiert, er strukturiert, er täuscht. Wirklich klar wird dieses Konzept im zweiten Teil des Films, wenn Noé den retrospektiven Blick Oscars mithilfe der Lidschläge wandern lässt, bei jedem Blinzeln, eine andere Erinnerung.

Im letzten Teil verschwindet der Lidschlag von der Leinwand. Eine Seele hat keine Augen mehr, aber sie scheint noch einen Blick und somit eine Subjektive zu haben. Hier betritt der Film metaphysische Gefilde, die nicht mehr der eigenen Wahrnehmung gleichen. Ab hier strukturiert sich der Film nur noch in vereinzelte Episoden, die durch Zeitsprünge getrennt sind.

Ohne den Lidschlag muss Noé ab jetzt alles so wirken lassen, als würde es in Echtzeit geschehen. So impliziert jede Reise an einen anderen Ort, eine Kamerafahrt durch Häuserwände und über Dächer. Wie schon zuvor beschrieben ist das bei einem Zeitsprung weitaus komplizierter. Hier greift Noé auf einen Trick zurück und behauptet einfach, die Seele könne mithilfe von Lichtquellen Zeit überbrücken (Ähm ja...). Schlecht sieht das ja auch nicht aus. Die enorme Weitwinkel-Verzerrung beim Vertigo-Effekt vor dem Eintritt ins Licht, sieht sehr gut und suggestiv aus, doch nach dem 10. Mal wird es hohl.

Da sind wir schon bei der größten Schwäche von „Enter the Void“. Noé hat sich ein so strenges stilistisches Konzept auferlegt, dass es unmöglich eine Handlung füllen kann. Besonders, da die wirkliche Handlung erst mit dem letzten Teil anfängt. Alles davor war nichts anderes als eine beeindruckende Exposition. Eigenartigerweise scheint Noé die Story wichtig zu sein oder die Figuren jedenfalls. Allerdings trifft das nicht auf den Zuschauer zu, der die 80 Minuten davor mit effektivem Wahrnehmungskino geplättet wurde.

Abgesehen davon, dass sich eine Subjektive überhaupt nicht zur Identifizierung eignet, auch wenn man das zuerst denken mag. Am besten identifiziert sich das Publikum mit Filmfiguren, die sie objektiv verfolgen und beobachten können. Auf der anderen Seite eignet sich ein Drogendealer sowieso schlecht als Sympath. Aber auch die anderen Figuren kommen durch die strenge Kameraarbeit, die meistens von oben filmt, schlecht rüber. Ein Mitfühlen und Fiebern wird somit absichtlich verhindert.

Was bleibt ist eine uninteressante Handlung, die an einem mit den immer gleichen Manierismen vorbeirauscht. Über 80 Minuten wird dem Zuschauer nichts neues, nichts einnehmendes oder folgenswertes geboten. Gerade zum Schluss wird es schlimm, wenn Noé eine Reihe von Sexszenen zeigt, die durch digital-leuchtende Genitalien reichlich verkitscht werden.

Ich will gar nicht gegen die experimentelle Seite des Films wettern. Das Problem sind nicht die avantgardistischen Formspielereien, sonder eher die Handlung. „Enter the Void“ glaubt bis zuletzt eine Geschichte erzählen zu müssen, was er gar nicht nötig hat. Dadurch dehnt sich der Film unerträglich und endet genauso unvermittelt wie er begann.

Vielleicht hätte ein bisschen weniger Melodram und ein bisschen mehr „Letztes Jahr in Marienbad“ gut getan. Gute Experimente brauchen sich nicht mit kitschig-konventionellen Plots beim Mainstreampublikum einschleimen. Das hatte der schlechtere „Irreversibel“ sogar „Enter the Void“ vorraus.

Ich bin zwar kein großer Fan von Gaspar Noé, aber beginnend mit dem heftigen Opening bis zur Hälfte des Films wird ein intellektueller Mindfuck geboten, der sich gewaschen hat. „Enter the Void“ ist Noés bisher bester Film und ein Fest für die Sinne.

Wertung: 6,5/10

Nur im Kino!


"Enter the Void"

FR, 2009

Gaspar Noé

mit Nathaniel Brown, Paz de la Huerta, Cyril Roy


Dienstag, 21. September 2010

JUD SÜß - FILM OHNE GEWISSEN



Roehlers "Jud Süß"-Making-Of ist vielleicht das mutigste, was sich ein deutscher Regisseur im Historiengenre in letzter Zeit getraut hat. Zu schade, dass "Inglorious Basterds" früher ins Kino kam, so müssen sich die Macher wohl einige Anschuldigungen gefallen lassen, sie schwimmen im Fahrwasser eines Tarantinos, dabei wurden beide Filme fast gleichzeitig gedreht und als Inglorious Basterds" ins Kino kam, war "Jud Süß" schon abgedreht.

Naja, die weiteren Anfeindungen belaufen sich auf die typische Anklage der Geschichtsverfälschung, wobei, wie schon gesagt, das doch seit Tarantinos Film ohnehin nicht mehr gilt, oder wollen wir diesen Diskurs an der Nationalität des Regisseurs festmachen? Ich hoffe nicht!

Wo Tarantino den Historienfilm in einen Italo-Western packt, geht Roehler weitaus reflektierter vor. Der Film handelt schließlich von einem Propagandafilm, also inszeniert er seinen Film auch so. Roehlers Film ist ein Propagandafilm par excellence, für die andere Seite versteht sich, für die politisch korrekte, wobei die gar nicht so leicht abzustecken ist.
Er hält sich kaum an Fakten und konstruiert seinen Film zu einem manipulativen Melodrama, wo sich die anfänglich helfenden Nazis für Marian zum Ende hin als Monster entpuppen, ähnlich wie die Hauptfigur des Süß im Originalfilm.

Die Kinobilder sind künstlich entsättigt und wirken wie Parodien bekannter deutscher Geschichtsbilder. Die Schauspieler bewegen sich auf allen Niveaus. Bleibtreus Goebbels ist eine skurrile Figur, mit der Kraft des Overactings. Umso auffälliger wirken da Moretti und Gedeck, die ihre Rollen ernst nehmen.

Der Film bietet eine Unmenge an Angriffspunkten, einen Haufen Schwächen, doch es hier fällt es mir wirklich leicht nur den Gesamteindruck zu bewerten. Denn ohnehin präsentiert sich Roehlers Film als deutsches Kinomoment des Jahres, nicht aus qualitativer Sicht, sondern eher aus utilitaristischer.

Was dem Film wirklich schadet ist sein Schwebezustand zwischen Blockbuster und Autorenfilm. Roehlers "Jud Süß" scheitert vielleicht an dieser Unentschlossenheit. Ich wünschte mir er hätte sich mehr getraut und weniger auf die Passionsgeschichte seiner Hauptfigur gesetzt. Allerdings ist das, was er sich traut für einen Mainstream-Film schon sehr viel.

Wie schon gesagt, es fällt leicht den Film nicht zu mögen. Er ist radikal. Er entblößt das moderne Nazi-Kino from Germany als andere Form des Propagandafilms. Er ist eine bösartige und manchmal witzige Satire zwischen Porträt und Melodram, mit bösen Seitenhieben in die Rippen der damaligen Filmindustrie, Veit Harlan als schmieriger Mitläufer, Schauspieler als Karriere geiles Pack, Michelango Antonioni als "Jud Süß"-lobender Kritiker, Bad Ass Roehler!

Der Film hat eigentlich gar keine 7 Punkte verdient, doch er war die größte Überraschung auf der diesjährigen Berlinale. Letztendlich: Sehenswert!


Wertung: 7/10



"Jud Süß - Film ohne Gewissen"
BRD, 2010
Oskar Roehler
mit Tobias Moretti, Martina Gedeck, Moritz Bleibtreu



Ab 23. September nur im Kino!


Sonntag, 29. August 2010

RUBBER


Anhand einer Synopsis zu erklären was in „Rubber“ passiert, ist so sinnvoll wie ein lebendig gewordener Autoreifen mit telekinetischen Fähigkeiten. Nein, für einen Einblick in Quentin Dupieuxs Debüt eignet sich nur der hervorragende Teaser.

Nach dieser kurzen und intensiven Einführung bleiben dem Leser nur zwei Möglichkeiten. Wer vom Gesehenen fasziniert war, wird mir sicher mit voller Bereitschaft tiefer in den Kaninchenbau folgen. Wer verstört mit dem Kopf schüttelte, liest diesen Absatz wohl bereits nicht mehr und dreht schon seine Runden auf YouPorn oder sonstwo.

Na gut, bleiben nur wir übrig. Ohne ein großes Geheimnis darum zu machen, will ich schon mal anmerken, dass „Rubber“ der beste Film der letzten sieben Jahre ist und er wird es wohl auch schaffen zum besten Film 2010 zu avancieren.

Quentin Dupieux alias Mr. Ozio ist eigentlich ein französischer Musiker. Auf der einen Seite ist es verwunderlich, dass „Rubber“ so abgeklärt und selbstbezogen daher kommt. Filmemacher hinterfragen selten das Kino an sich bereits in ihrem ersten Film. Andererseits ist das in der Postmoderne wahrscheinlicher geworden und vielleicht liegt es auch an Dupieuxs Außenseiter-Perspektive, dass „Rubber“ ein Kommentar und kein Beitrag zum Kino geworden ist.

Ähnlich wie bei „Funny Games“ hat auch bei „Rubber“ das Publikum seine Unschuld verloren. Doch wo Haneke den Zuschauer direkt anklagt und quasi das Sehen des Films selbst moralisch hart verurteilt, geht „Rubber“ nicht so radikal vor und versucht eher die Kommunikation zwischen Leinwand und Zuschauerschaft zu thematisieren. Denn obwohl Dupieux und seine fiktiven Helden sich oftmals lustig über das Publikum machen und der Oberschurke des Films letztendlich das Publikum selbst ist, bleibt „Rubber“ stets eine Liebeserklärung an die Imagination des Zuschauers, denn er ist es, der den Film zum Leben erweckt.

Aus einem leblosen Gummireifen wird Robert, aus einer bloßen Abfolge von Bildern entsteht ein Film. Es ist wie mit dem bekannten Baum im Wald, der umfällt, aber nicht gesehen und gehört wird. Ist er dann überhaupt umgefallen? Genauso inexistent ist ein Film, der in einem leeren Kinosaal gezeigt wird.

Ich finde es immer sehr leidlich, wenn hoch gebildete Bildungsbürger mit reichlich Bildung das Kino als Kunst zweiter Klasse bezeichnen, als passive Kunst, wo sich der Zuschauer nur berieseln lassen braucht, während das geschriebene Wort dem Leser einiges an Fantasie abringt. Dabei zeigt „Rubber“ auf sogar sehr lustige Weise, wie viel der Zuschauer dem Film hinzufügen muss um ihn zum Leben zu erwecken. Selbst seltsamsten Wendungen und Schnitten versucht das Publikum mit Kraft seines Geistes einen Sinn zu geben und selbst wenn ein Film so unverschämt ist und uns bereits zu Beginn sagt, dass dies alles gar keinen Sinn haben wird, versuchen wir weiterhin zu verstehen, zu interpretieren und zu analysieren. Die von „Rubber“ gestellte Herausforderung kann man entweder als schamlose Arroganz begreifen oder als Kompliment an sein Publikum. Ich entscheide mich für letzteres.

„Rubber“ ist das Werk eines äußerst kritischen Künstlers, der dem Kino gleichzeitig hoffnungslos verfallen scheint. Eigentlich kann man sich gar nicht vorstellen welchen Film Dupieux als nächstes drehen wird, da er das Kino bereits bis in seine tiefsten Provinzen erkundet hat. Vielleicht war dies aber auch sein einziger Film. Andererseits würde ich mich über mehr Filme dieses neuen Talents freuen.

Ähnlich wie Nolan bei „Following“ hat auch Dupieux mit einem geringen Budget drehen müssen und Regie, Buch, Kamera, Schnitt und Musik selbst in die Hand genommen. Das Resultat ist nie unfreiwillig billig, bietet tolle Darsteller, abstrakte Bilder und einen starken Score, doch kann man „Rubber“ schlecht an seinem Handwerk und ihren Komponenten beurteilen. Dieser Film ist mehr als die Summe seiner Teile.


PS: Da der Film bis jetzt nur auf Festivals gezeigt wurde, hat er seine ganze Auswertung praktisch noch vor sich und obwohl er in der Schweiz bereits einen Kinoverleih gefunden hat (sehr löblich), bezweifle ich, dass der Film in der reaktionären Kinolandschaft Deutschlands einen Platz bekommt. So bleibt nur die Hoffnung auf einen guten Release auf DVD und Blu-Ray.

Doch, ein letzter Hinweis an alle Verleiher: Die Vorstellung auf dem FantasyFilmFest in Berlin war restlos ausverkauft (was sonst nur noch „Enter the Void“ schaffte). Das zeigt also, dass das Publikum wirklich etwas Neues sehen will. Es lechzt förmlich danach. Gebt „Rubber“ doch eine Chance!

Wertung: 9,5/10



"Rubber"

FR, 2010

Quentin Dupieux

mit Roxanne Mesquida, Stephen Spinella, Robert

Donnerstag, 5. August 2010

MOON



Allein das Poster von "Moon" beschwört alte Zeiten herauf, für einen Science-Fiction-Film doch recht unerwartet. Nur betrachtet man das Plakat genauer, entpuppt sich das Nostalgie-Element mehr als lässige Retroness.

Duncan Jones setzt diesen Aspekt auch filmisch um, aber inwieweit man hier von Retroness sprechen kann ist fraglich. Viel eher ist dieser "alte" Charme der langen Abstinenz guter Genre-Beiträge geschuldet.

Denn während Chris Nolan mit "Inception" das Blockbuster-Kino erneuert, wird durch "Moon" der Hard-Sci-Fi wieder zum Leben erweckt. Das ist aber auch nur die halbe Wahrheit.
Nochmal zur Definition: Als harte Science-Fiction werden Werke bezeichnet, die ein großes Augenmerk auf wissenschaftliche Genauigkeit und auf die tatsächliche Realisierbarkeit der technischen Neuerungen legen. Es steht also weniger die fantastische Ausschlachtung des Genres ("Star Wars") oder die Entwicklung einer Utopie/Dystopie im Vordergrund ("Blade Runner"), sondern der Einfluss neuer Technologien.

Nun kann Jones, wie zuvor erwähnt, die Definition nur zur Hälfte bedienen. Sowieso ist reine Hard-Sci-Fi eine ganz mühselige Sache, die wohl nur Nerds hinterm Ofen hervorlockt. In "Moon" geht es in erster Linie um die Hauptfigur Sam Bell, gespielt von Sam Rockwell. Die Technik muss hinten anstehen, hat aber auf das Leben unseres Protagonisten einen gravierenden Einfluss. So viel sei gesagt.

Wer den Film gerne anhand seines Twists und seiner Handlungsführung kritisieren möchte, soll das tun, aber ohne mich. Die clever gebaute Geschichte macht keine Geheimnisse und auch Jones schien kein Interesse daran gehabt zu haben, den Zuschauer lange auf die Folter zuspannen oder seine Wendungen als Ässe auszuspielen. Hier wird das Publikum nie auf eine falsche Fährte gelockt und bis zur Auflösung bei der Stange gehalten um dann fallen gelassen zu werden. Jones ist kein Shyalaman.

Trotz der fast schwerelosen Erzählweise des Films kommt nie ein Funken Langeweile auf. Die Dramaturgie funktioniert tadellos und rafft an den richtigen Stellen, z.B. wird nicht zu viel Zeit für die Exposition vergeudet. Die Einführung in Sams Welt wird elliptisch voran getrieben. Es sind eh die bekannten Einstellungen eines jeden Tagesablaufs. Nach gut 10 Minuten geht schon die eigentliche Handlung los.

Ehrlich gesagt hat "Moon" nur sympathische Schwächen zu bieten. Das was dem Film am meisten schadet ist die eingangs erwähnte Retroness. Beim Schauen des Films hat man nie das Gefühl etwas neues zusehen. Obwohl der Film der erste Hard-Sci-Fi nach langer Durststrecke ist, legt Jones es nicht an das Genre in neue Sphären zu führen. Besonders stilistisch fallen diese Mängel auf. Das Heraufbeschwören von Klassikern wie "Solaris", "2001" und "Silent Running" hat zwar einen cineastischen Charme, aber das Bild der originären Vision leidet darunter. So suhlt sich "Moon" oft in seiner Retrospektive, z.B. wenn er klassische Musik durchs Weltall säuseln lässt, ein geliebtes Klischee. Dennoch, auch wenn Duncan Jones auf Altbewährtes zurückgreift, beeindruckt sein Film durch die ergreifende Geschichte.

Mit dem Erscheinen des zweiten Sams gewinnt der Film ungemein an Fahrt und wandelt sich zum feinen Drama. "Moon" ist der erste Film den ich kenne, der sich so genau mit den psychischen Konsequenzen des Klones beschäftigt und es sogar wagt beide Kopien aufeinander treffen zulassen. Die Szenen zwischen Rockwell und Rockwell gehören somit zu den stärksten des Films. Ähnlich wie Jeremy Irons in "Dead Ringers" gelingt Rockwell die klare Zeichnung zweier unterschiedlicher Charaktere. Obwohl der Film uns visuell hilft (der eine ist ein körperliches Wrack, der andere ist frisch geschlüpft), stellt Rockwell sie als zwei unterschiedliche Figuren dar.

Allein darin steckt die Kernessenz von Jones Klon-Psychogramm. Er formuliert das Klonen nicht als der Geburt menschlich unterlegenen Entstehungsprozess. Trotz der gleichen Erinnerungen und des identischen Äußeren ist jeder Klon anders und für sich ein Individium. Wie bei jedem großen Humanisten definiert sich auch bei Jones das Menschsein über sein moralisches Handeln. In diesem Kontext wirkt es nicht unglaubwürdig das Sam seinem Roboter Gerty klar macht: "Wir sind Menschen."

"Moon" liefert eine glaubwürdige Abhandlung über den Einfluss des Klonens und erinnert in seinen besten Momenten an eine Art Bergman-in-Space. Obwohl sich der Film stilistisch "nur" im Dunstkreis seiner klassischen Vorbilder befindet, darf Angesichts der Rückkehr eines totgeglaubten Genres euphorisch gejubelt werden.

Wertung: 8/10


"Moon"
GB, 2009
Duncan Jones
mit Sam Rockwell, Kevin Spacey (Stimme)



Bei uns bisher nur im Kino, in vielen anderen Ländern bereits auf Blu-Ray & DVD!


Montag, 2. August 2010

INCEPTION

Chris Nolans Blockbuster entführt den Zuschauer in die alte Welt ohne 3D und Franchises. Das ist zwar erfrischend, aber leider auch nicht neu.

Dank modernster Technologie ist es in naher Zukunft möglich, in Träume und somit in das Unterbewusstsein von Menschen einzusteigen. Das Einsteigen bedeutet mithin auch die Möglichkeit des Stehlens fremder und bisher ureigenster Ideen. Ein Meisterdieb auf dem neuesten Gebiet der Firmenspionage ist Dom Cobb, was ihn nicht nur im positiven Sinn zu einem besonders gefragten Mann macht. Um endlich wieder ein normales Leben führen zu können, muss er nur noch den einen letzten Job erledigen.

Blockbuster aus Hollywood haben ein Ziel. Sie wollen Massen erreichen. Dementsprechend ist der Erfolg eines Blockbusters nichts anderes als die Reflektion des Massengeschmacks. Es ist daher schon fast zynisch oder kulturpessimistisch, dass die grassierende Abwesenheit von Originalität, die Hollywood heutzutage dominiert und sich in endlosen Mustern aus Sequels, Prequels, Reboots, Remakes und Franchises präsentiert, solch kommerziell erfolgreiche Blüten trägt. Dass Kino auch immer schon Ware war, die verkauft werden muss, will keiner bestreiten. Schon zu Urtagen musste man einen Penny einwerfen um auf dem Jahrmarkt die Bilder tanzen zu sehen. Schaut man aber auf die Entwicklung des Massengeschmacks (und welche Genres er beeinflusst hat), so zeichnet sich ein Bild, dass die heutige Zuschauerschaft wie eine Herde Schafe wirken lässt.

Wie so oft scheint früher alles besser gewesen zu sein. Nun gehört es aber zum Verlauf der Geschichte, dass schlechte Ereignisse gerne verdrängt werden. Manchmal ist das gut, meistens eher nicht. Denn zu den wenigen Meilensteinen der Filmgeschichte gesellten sich zur damaligen Zeit ebenso eine Masse von hirnloser Fließbandware, die heute wie vergessen scheint. Logischerweise zeigt ein Blick in die Vergangenheit (je nach Betrachtung) mehr gute Filme als schlechte.

Nun hängt der Überlebensgrad eines guten Films (respektive Meisterwerks) stark vom kommerziellen Erfolg oder der Gönnerschaft einflussreicher Menschen ab. Ein Film kann noch so grandios, persönlich und künstlerisch wertvoll sein, wenn ihn niemand sehen will, gibt es selten eine Perspektive.

Ungerechterweise wird dieses Schicksal wohl viele gute Filme ereilt haben. Deshalb war und sollte es auch im Interesse eines jeden Filmemachers sein, sich auch ein Stück weit die Eigenschaften eines Produzenten anzueignen, damit sein Film auch gesehen wird oder er verzichtet gänzlich auf sein Publikum, was nicht unbedingt einen schlechteren Film bedeutet.

Die großen Blockbuster der Vergangenheit waren oftmals auch Meilensteine der Filmkunst, z.B. „Birth of a nation“, „Wizard of Oz“, „Lawrence of Arabia“ oder „Jaws“. Das waren ungemein erfolgreiche Filme, die genau den Massengeschmack trafen und trotzdem künstlerisch wertvoll waren.

Ein Blick in die Zukunft ist immer spannend. Denn wie werden die Blockbuster unserer Zeit später rezipiert? Wird man „Pirates of the Caribbean“ als Meilenstein bezeichnen? Kommt Michael Bay durch „Transformers“ doch noch zu unverhofften Regie-Ehren und wird in Zukunft mit Eisenstein verglichen? Es ist eindeutig eine spannende Angelegenheit. Welche Filme überleben die Zeit und was ist mehr daran beteiligt, der Erfolg oder das Werk?

Selbst „2001“ wurde zum Release verrissen. Damals sahen nur wenige den Klassiker, der er heute ist. Allerdings wurde Kubricks abnorme Weltraum-Reise von unerwartetem Erfolg gekrönt. Überlebte er nur weil er bis „Star Wars“ der erfolgreichste Sci-Fi-Film war? Das scheint fragwürdig.

Filme können nur durch ihr Publikum überleben, über Generationen hinweg. „Fantasia“ (ein kommerzieller Flop) war bis in die 70er fast komplett vergessen und gelangte nur durch den Release auf VHS zu neuen Ehren. Die damalige Studentenschaft erkannte das enorme Potenzial des Films beim Konsum von LSD. „Fantasia“ wurde so zu Disneys erfolgreichstem Drogenfilm.

Auch nachfolgende Filmemacher-Generationen sind stark am Überleben eines Films beteiligt. „2001“ gilt als Lieblingsfilm der jungen New-Hollywood-Bande (Scorsese, Coppola, Spielberg), die stets Bezug auf ihre Vorbilder nahmen und damit konkret ihren Ruf förderten und ihre Werke bekannter machten. Tarantino macht doch nichts anderes, für ihn ist Kino nur Zeitmaschine. Ginge es nach Tarantino bräuchte man gar keine neuen Filme mehr drehen. Dementsprechend wird man ihn später auch als den Archivar des Kinos begreifen, der er ist.

Schlussendlich, es geht also um Inspiration. Ein Film muss inspirierend sein für nachfolgende Generationen um sein Überleben zu sichern. Wenn ich also möglichst viele Menschen mit meinem Film erreiche und mein Film auch das künstlerische Format hat Menschen zu fesseln und nicht mehr los zu lassen, dann kann ich mich doch beruhigt zurücklehnen und hoffen, dass ich in 1000 Jahren wiedergeboren werde um meinen eigenen Namen in den Filmbüchern lesen zu können.

Ich bin kein Orakel, doch ich wage zu behaupten, dass Christopher Nolan mit „Inception“ eben dies erreicht hat. Jenseits des großen Hypes (der vor allem „The Dark Knight“ zu verdanken ist), sieht man gerade an den Reviews und Publikumsreaktionen, dass hiervon niemand unberührt bleibt. Nolan wirkt wie ein Messias im Dunst der Exkremente, die Hollyood in den letzten Jahren über uns gegossen hat. Er ist kein Messias. Er ist kein Wunderkind (schon lange nicht mehr). Nolan scheint wohl einfach, dass zu machen, was jeder ehrliche Filmemacher tun sollte, nämlich seinen Film zu drehen. Denn bei allem cineastischen Brimborium bleibt „Inception“ angenehm persönlich und zeigt sich als klares Produkt seines Schöpfers.

In Nolans Werk geht es immer um Schöpfung und um das Verirrt-sein seiner Protagonisten. Seine Helden sind immer Reisende. Sie laufen durch Labyrinthe ihrer eigens geschaffenen Hölle. Dabei ist Nolan zudem ein so brillanter Stilist, dass er sich sogar die Mühe macht eben dieses Gefühl der Verirrtheit durch ausgeklügelte Story-Konstruktionen auf den Zuschauer zu übertragen, was seine Filme dazu noch ungemein unterhaltsam macht.

„Following“ handelte von einem ideenlosen Schriftsteller, der mehr Inspiration bekommt als er erwartet hat und letztendlich zum beinah griechischen Helden wird, den die Story des Lebens überlistet. In „Memento“ läuft der Protagonist durch das Labyrinth seiner eigenen Erinnerungen, die er sich mit kleinen Zetteln und Fotografien konserviert hat, da er selbst zur keiner eigenen Erinnerung mehr fähig ist. „Insomnia“ nimmt fast schon seinen neuesten Film ein wenig vorweg und begleitete einen Pacino, der traumwandlerisch der Wahrheit hinterherjagt. „Batman begins“ stellt den gebrochenen Helden wiederum als Schöpfer seines eigenen Schicksals dar. Zur höheren Aufgabe berufen, versucht er seinen Dämonen zu entfliehen, kann sich aber letztendlich nur als Spiegelbild seiner eigenen Ängste manifestieren. „The Prestige“ geht da noch viel weiter und zeigt zwei Männer wie zwei Seiten einer Medaille, die sich mit ihren eigenen Schöpfungen gegenseitig überbieten wollen. Dabei argumentiert Nolan mit seltener Leidenschaft was eine wahre Vision einen Künstler kosten kann. „The Dark Knight“ fügt die Idee des gespaltenen Helden dem Batman-Franchise hinzu und zeigt das Duell zwischen Schurke und Held als verzerrtes Spiegelkabinett.

Mit „Inception“ scheint Nolan nun seinem eigenen Schaffen einen Kommentar hinzuzufügen. Denn der Film liest sich auch als Metapher über den Prozess des Filmemachens. Wie arbeitet die Traumfabrik? Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Sci-Fi-Komponente des Films eher rudimentär wirkt. Die großen technischen Erklärungen lässt Nolan zum Glück aus. Ebenso vermeidet er die Zeichnung einer Utopie. Die Welt in „Inception“ ist die gleiche wie heute. Das Traum-sharing entpuppt sich dementsprechend wirklich als Gang ins Kino.

Man könnte „Inception“ also auch als das aufwendigste Making-Of aller Zeiten lesen. Das Making-Of, was alle Filme gemein haben. Denn all die Regeln die Ariadne zu Beginn des Films erklärt werden wirken wie Umschreibungen vieler Tipps aus bekannten Büchern über das Filmhandwerk.

Der Träumende und seine Projektionen stellen somit das Publikum dar, was überlistet und unterhalten werden möchte ohne dass es merkt, dass es träumt oder dass es einen Film sieht. Nolan gibt hiermit nicht nur Einblick in seine Arbeitsweise, sondern formuliert auch schonungslos den Sinn eines jeden Films. Es geht nicht um Ideendiebstahl, sondern um die Einpflanzung einer Idee. Filme, wie andere Kunstwerke, sollen Ideen vermitteln, die wuchern und gedeihen, Inspiration!

Wirklich neu ist „Inception“ eher nicht und bis auf „Following“ und „Memento“ trifft das auch auf seine anderen Filme zu. Der Reiz seines ganzen Werk ist folglich eher mit dem Reiz eines guten Handwerkers zu vergleichen. Er ist niemand, der auf die Idee kommen würde zur Verbesserung der Stabilität einen Küchentisch um ein Bein zu erweitern, aber er baut den Tisch so als würde er eine Horde Elefanten aushalten.

So ist auch „Inception“ ein handwerkliches Wunderwerk, was besonders auf der dramaturgischen Ebene begeistert und so elegant durch die Geschichte, seine vielen Handlungsfäden und Set-Pieces führt, dass man als Träumender nie auf die Idee kommen würde aufzuwachen.

Dennoch, trotz seines erkennbaren Alleinstellungsmerkmal in der heutigen Filmlandschaft, schwimmt dieses Floß „Inception“ auf einem Meer von Schwächen, was überwiegend dem Mainstream geschuldet ist.

Wie eingangs erwähnt sollte ein jeder Filmemacher auch ein wenig Produzent sein. Nolan verortet seine komplexe Reise durch den Schöpfungsprozess eines Films fest im Unterhaltungskino der heutigen Zeit. „Inception“ wird zum Actionfilm. Nun zeigte sich schon in „The Dark Knight“ Nolans große Schwäche für Action-Szenen. Auch „Inception“ fehlt in den vielen Schießereien einfach der Überblick. Wally Pfisters Kamera klebt mit dem Teleobjektiv an den Gewehren ohne auch nur zu zeigen wer sie bedient und wohin sie schießen.

Zudem raubt diese Action-Komponente dem Film einige seiner besten Einfälle. Während Ariadne in ihrer Trainingsphase noch mit immer aufmüpfiger werdenden Passanten zu kämpfen hatte, was im späteren Heist-Plot eine ungemein dynamische Bedrohlichkeitssteigerung dargestellt hätte, verzichtet Nolan darauf komplett und lässt gleich zu Beginn des Coups die Projektionen mit Gewehren auflaufen.

Eine andere verständliche Schwachstelle ist die erste Stunde des Films, die sich fast ausschließlich mit der Erklärung der Spielregeln auseinandersetzen muss. Nolan hat zwar genug handwerkliches Geschick um sein Tutorial filmisch umzusetzen, aber ohne einseitige Erklärungsmonologe, die sich wie Propaganda anhören, kommt auch „Inception“ nicht aus. Es gilt somit die erste Stunde zu überstehen, hinterher zukommen und alles kapiert zu haben. Denn sobald die titelgebende Inception beginnt, gibt es kein zurück mehr. Gerade in der zweiten Hälfte fesselt und inspiriert der Film, da er vieles dem Zuschauer überlässt und nur noch wenig erklärt.

Die oftmals erwähnten flachen Figuren des Films sind in Nolans Filmen keine Seltenheit und werden durch die ausführlich designten Plots verursacht. Es sind halt nur Nebenfiguren. Denn gerade von Nolans Hauptfiguren kann man nicht behaupten sie seien flach. Oftmals liegt der Schlüssel zur Lösung von Nolans Plots in der Entschlüsselung seiner Helden. Erst mit der Auflösung von Memento bekam Guy Pearces Figur endgültig Tiefe und sein ganzer Konflikt breitete sich vor unseren Augen aus.

„Inception“ blickt auch wieder gezielt auf seinen Helden und vernachlässigt absichtlich den Rest. Das kann man kritisieren, wobei es clever war so talentierte Darsteller wie Page, Murphy, Levitt und Hardy zu besetzen, die allein durch Ausstrahlung ihre Figuren füllen.

Hier geht es eindeutig um Dom Cobb, gespielt von Leonardo DiCaprio, und seine Frau, die von der grandiosen Marion Cottilard verkörpert wird. Wie im sehr ähnlichen „Shutter Island“, spielt DiCaprio auch hier einen gebrochenen Mann mit problematischem Eheleben. Allerdings während DiCaprio in Scorsese Seelentraktat eine ungemeine Bandbreite an emotionalen Facetten abliefern konnte, kommt Cobbs Figur unangenehm angespannt daher. Besonders die vielen Erklärungen im Film verwehren den emotionalen Zugang zur Figur und auch DiCaprio wirkt so als wüsste er nicht ob jetzt sein Erklärungen wichtig sind oder seine Figur.

Marion Cottilard ist dagegen fest mit ihrer Figur verbunden. Nichts erinnert mehr an ihre schwache Frauenrolle in Manns „Public Enemies“ und schon gar nicht an ihre burleske Edith Piaf in „La Vie en Rose“. Nein, Cottilard liefert eine hinreißende Performance als Femme Fatale, die sogar in den größten melodramatischen Szenen berührt und glaubwürdig bleibt. Allein ihre Ausstrahlung bindet alle Blicke. Ja, es gibt Momente, da spielt sie DiCaprio fast an die Wand.

Es sind gerade die Szenen zwischen DiCaprio und Cottilard, die den Film reicher machen. Besonders die letzte Szene der beiden hat mich zutiefst berührt und illustriert Nolans Händchen für Schauspielerei.

Was viele Kritiker an „Inception“ bemängeln ist seine logische Struktur im Bezug auf sein Sujet. Bei einer Story die sich um Träume und die Kraft des Unterbewussten dreht, wirken Nolans Traumwelten wie Level eines Videospiels das klaren Regeln folgt. Es fehlt das Lückenhafte, Unlogische und vorallem Surreale, was das echte Träumen bestimmt.

Diese Schwäche muss sich „Inception“ eingestehen und sie wäre auch viel gravierender, wenn es denn wirklich ums Träumen ginge. Wie gesagt, es geht letztendlich ums Filmemachen, ums Erschaffen von Traumwelten, welche nicht als Träume enttarnt werden wollen und somit den Gesetzen unserer Welt gehorchen.

Ich werde dagegen etwas kritisieren, was viele als große Stärke interpretieren, die Optik des Films. „Inception“ wird ja schon als Kamera-Glanzleistung gefeiert, die neue Wege geht. Wally Pfisters Kamera geht viele Wege, aber keiner ist neu. Die Zeitlupen-Sequenzen und der Schwerelos-Kampf führen nur die Arbeit der Wachowsky-Brüder konsequent fort. Zudem gelingt dem Film kaum eine Einstellung, die etwas mit Poesie zu tun hat. Pfister filmt alles so, wie es schon etliche vor ihm gemacht haben. Seine Bilder vermitteln selten Ideen. Meistens sind dafür die Dialoge und der Schnitt verantwortlich. Auch die Lichtsetzung und Farbpalette sind die gleiche Sülze wie schon bei „The Dark Knight“. Entweder ist alles orange oder blau und das Licht ist meistens eine undefinierbare Schmiere. Einzig und allein „The Prestige“ zeigte ein aufregendes Kamera-Konzept. Warum kann Pfister das nicht wiederholen?

Letztendlich ist „Inception“ dennoch eine Wohltat des Blockbuster-Kinos und der beste Hollywood-Film der letzten Jahre. Die unübersehbaren Schwächen können zwar nicht ignoriert werden, aber Nolans fulminante Inszenierung lässt einen kaum darüber nachdenken.

Obwohl die Thematik der trügerischen Realitäten schon ein alter Hut ist und frühere Filme wie „Matrix“, „ExixtenZ“ und „Welt am Draht“ es bereits besser gemacht haben, gelingt es Nolan dem ganzen sogar noch etwas hinzuzufügen. Er verwertet das Dilemma um Traum und Wirklichkeit zur philosophischen Auseinandersetzung über den Prozess des Filmemachens.

Wir werden sehen, ob Nolan es gelungen ist genügend Menschen zu infizieren und sein Film noch in Zukunft mit staunenden Augen betrachtet wird. Im Angesicht der aktuellen kreativen Flaute Hollywoods, gönnt man „Inception“ einen Eintrag in die Filmgeschichtsbücher. Der Erfolg des Films zeigt schon mal, der Geschmack des Massenpublikums ist noch nicht verloren.

Wertung: 7,5/10


"Inception"

USA, 2010

Christopher Nolan

mit Leonardo DiCaprio, Marion Cottilard, Cillian Murphy


Nur im Kino!


Montag, 12. Juli 2010

FOLLOWING



Im Angesicht des baldigen Kinostarts von "Inception" und der seit "The Dark Knight" vorherrschenden Nolan-Euphorie, möchte ich doch gerne nochmal auf dieses kleine Meisterwerk aufmerksam machen, was dem Großteil der Nolanisten wohl noch unbekannt ist, obwohl es den Film seit "The Dark Knight" in einer mehr als günstigen DVD-Fassung gibt.

Für meine Begriffe ist "Following" nicht nur eine filmische Offenbarung, sondern in erster Linie wirklich Nolans bester Film. Auf den ersten Blick mag es traurig erscheinen, dass die späteren, teureren und prestigeträchtigeren Filme eines Regisseurs nicht mit seinem Debüt mithalten können. Allerdings gibt es auch nur ein paar Filmemacher, die einen Film in der Klasse von "Following" vorzuweisen haben. In dieser Hinsicht kann Nolan schon auf sich stolz sein. Es ist ja nicht so, dass seine späteren Filme wirklich schlechter waren. Sie waren trotzdem noch überdurchschnittlich gut. "Memento" kommt qualitativ noch am nächsten an "Following" heran. "Insomnia" war ein sehr trockenes und unaufgeregtes Remake, was mich sehr gefesselt hat. "Batman begins" ist das Sinnbild eines geglückten Reboots, obwohl das Original besser war. "The Prestige" ist ein filmisches Gewitter, überkonstruiert und voller Leidenschaft für seine Erzählung. "The Dark Knight" war dann natürlich der kommerzielle Breakthrough den man Nolan gegönnt hatte. Mit "Inception" kommt nun ein noch teurerer und aufwendigerer Blockbuster, allerdings zu 100% aus der Feder Nolans selbst und somit die Chance auf ein anspruchsvolles Kino-Erlebnis, mit Betonung auf Erlebnis!

Inwieweit die größeren Budgets Nolans spätere Filme schlechter gemacht haben, will ich garnicht beurteilen. Man merkt aber eine Tendenz, wobei man -wie schon gesagt- die Nolan gerne verzeiht, eben weil er so ein Meisterwerk wie "Following" als DEBÜT(!) abgeliefert hat.

Was ist denn nun dieses ominöse "Following"? Der Film geht knapp 80 Minuten, wurde auf 16mm-s/w-Film gedreht (nix mit miniDV!) und mit Freunden und Verwandten realisiert. Die Dreharbeiten zogen sich über ein Jahr hin und wurden abseits der Arbeit und des Studiums durchgezogen. Nolan studierte damals noch Anglizistik. Sein Team rekrutierte er überwiegend aus dem Uni-eigenen Filmklub mit dem Nolan schon den ebenfalls wunderbaren Kurzfilm "Doodlebug" produzierte. "Following" ist ein waschechter No-Budget-Film bei einem Budget von ca. 6000 Pfund, die in erster Linie wohl für das Filmmaterial drauf gegangen sind. Er war somit weitaus günstiger als andere bekannte Low-Budget-Debüts wie z.B. "Pi" oder "Clerks".

Das wirklich herausragende an "Following" ist, dass man ihm sein (wirklich geringes) Budget kaum ansieht. Im Gegensatz zu anderen bekannten No-Budget-Debüts, wie Peter Jacksons "Bad Taste" oder Robert Rodriguezs "El Mariachi" sind alle Produktionstechnischen Mittel auf das Drehbuch angepasst. Der Film brauchte einfach nicht mehr Geld. Bei den anderen genannten Filmen sieht man das geringe Budget, wodurch die Filme absichtlich wie B-Movies wirken und es wahrscheinlich nicht anders konnten. So könnten angehende Filmemacher zu dem Trugschluss kommen, dass man mit so einem kleinen Budget wirklich nur Trash-Filme drehen kann. "Following" widerlegt das meisterhaft.

Selbst die schauspielerischen Leistungen fallen nie negativ auf, was bei No-Budget-Filmen mehr die Regel darstellt, obwohl das doch eigentlich etwas ist, was am wenigsten kostet. Es müssen ja nicht immer ausgebildete Schauspieler sein.
Wenn man den Film öfter sieht, fällt einem umso stärker auf wie genial man das Budget genutzt hat. Ich wage sogar zu behaupten, dass "Following" mit mehr Geld schwächer geworden wäre. Gerade die Form des Guerilla-Filmmakings, Handkamera auf die Schulter, Schauspieler auf die Straße und los gehts, passt inhaltlich so verdammt gut zu "Following". Ey, es geht schließlich um einen Typen, der einfach durch die Fussgängerpassagen läuft und anfängt Leute zu verfolgen. Sowas wirkt doch nicht, wenn man für viel Geld die Straße absperrt und alles voller Statisten stellt. Nolan wollte echte Passanten, echte Kamerablicke, echten Voyeurismus (das Hauptthema Followings).

Auch die Kamera ist ein wahrer Schmaus (von Nolan selbst geführt). Natürlich sieht man das sie nicht viel Geld gekostet hat, aber sie ist nicht nur völlig ausreichend, sondern diese Form war mehr als notwendig. Nolan beschwört den Film-noir wie kein zweiter. Das Schwarz-Weiß in "Memento" war dagegen viel zu sehr Hochglanz. "Following" liegt zwar näher an "Außer Atem" als an "Laura" z.B., aber das Bild eines amoralischen Großstadtssumpfes wird durch die teils wackligen Handkamera-Aufnahmen und das natürliche Licht umso ungekünzelter.

Eigentlich gibt es an diesem Wunderwerk von Film nicht zu bemeckern, falls ja, wäre das kleinlich. Was hier geleistet wurde, geht über alles hinaus zu dem Hollywood-Produktionen jemals fähig wären. "Following" atmet bei jedem Frame echtes Leben. Es ist ein Kunstwerk, ein wirkliches Kunstwerk. Auch wenn Nolan sich vielleicht nicht als Künstler sieht. Er ist es. "Following" beweist es.

Ich habe nun realtiv wenig über den Film direkt gesprochen. Wer will schon eine reine Aneinanderreihung von orgasmischen Lobhuldigungen lesen?
Egal, der Film ist einfach überragend. Seht ihn euch bitte an! Seht ihn euch bitte mehrmals an! Mehr kann ich nicht sagen.

Manche denken sich bestimmt: "Ist mir doch egal wie der Film gemacht wurde. Was zählt ist der Film." Wenn man der Meinung ist, dass Filme einfach so aus dem Boden wachsen, kann man das so sehen. Spätestens seit der Nouvelle Vague sollte ja die Entstehung eines Films teil des Werkes sein.

Auf der anderen Seite könnte man fragen: "Warum hat der denn 6000 Pfund für Filmmaterial ausgegeben? Hätte ja auch auf DV drehen können. Hätte er noch mehr Geld gespart." Denjenigen stecke ich Kopf-schüttelnd meinen Mittelfinger entgegen. Nolan ist ein Filmfreak. Er liebt Film, also diesen veralterten Plastikstreifen und er dreht bis heute auf Film, auch "Inception", was auch der Grund ist, warum der Film nicht in 3D kommt, sehr sympathisch!

Ich komme mal zum Schluss. Was bleibt ist die Gewissheit, dass "Following" ein absolutes Meisterwerk ist und der Apell: "Gute Filme müssen nicht viel Geld kosten!" Keine neue Weisheit, aber sie wird gerne vergessen.

Wertung: 10/10 !


"Following"
GB, 1998
Christopher Nolan
mit Jeremy Theobald, Alex Haw, Lucy Russell


Auf DVD erhältlich! Sofort kaufen!


Samstag, 19. Juni 2010

HOSTEL: PART II



Fortsetzungen sind ja bei Horrorfilmen so eine Sache. Schließlich sind die guten Horrorfilme nichts anderes als die schlimmsten Albträume und welche Person, die von einem schweißtreibenden Albtraum aufwacht, schläft gerne wieder ein um weiter zu träumen?

Bei Filmen machen wir das aber anscheinend gerne. Anders lässt es sich nicht erklären, dass manche Horrorfilme unendlichfach fortgesetzt werden. Die Qualität nimmt dabei meistens ab, leider. Trotzdem, ein guter Horrorfilm, wie "Hostel" zum Beispiel, hat es verdient fortgesetzt zu werden. Das Potenzial war da, Eli Roth hat es genutzt.

Zu allererst resetet er den Plot. Der Held des ersten Teils muss verschwinden. Roth schließt scheinbar nahtlos an, schockt den Zuschauer kurz, nur um dann doch alle Versprechen wahr zu machen. All das Leid und die Spannung, die man durch Paxtons Augen in "Part One" erlebt hatte, sollen sich als nutzlos erweisen. Das ist der Preis der Fortsetzung. Sie kann ein Happy-End revidieren.

Neues Spiel, neues Glück, nun werden 3 neue Figuren ins slowakische Rennen geschickt und diesmal sind es Frauen, was die Machtstrukturen und Interpretationsmöglichkeiten des "Part One" in völlig neue Muster rückt. Es mag bescheuert sein, auf den ersten Blick, einfach die Männer durch Frauen zu ersetzen, aber bei "Hostel" ändert das schon gehörig viel. Allein das hätte schon für den "Part Two" gereicht. Zusätzlich gibt uns Roth noch einen tieferen Einblick in die Welt der Täter. Was ist das für eine Organisation, was sind ihre Mitglieder und wie bereiten sich die Kunden auf ihr Rendez-vous vor?

Anhand von zwei Freunden, der eine will sich als Mann fühlen und muss dafür eine Frau zu Tode foltern und der andere versucht krampfhaft zu verstehen, warum er so was überhaupt machen will, untermauert Roth nochmal die Gültigkeit seiner obskuren Welt. Wer sich noch nach dem ersten Teil gefragt hat, wie gestört die Täter eigentlich sein müssen, wird nach Teil 2 anerkennen, dass es schon fast etwas konservatives an sich hat. Die Nachfrage ist leider höher als erwartet und das macht es umso realer.

Clevererweise hat Roth seinem Filmtitel ja nur ein simples "Part II" angehängt, denn wie etwas ganzes fühlt sich das auch nicht an. Dieser Film ergänzt wirklich nur den ersten Teil um viele Aspekte, er vertieft, wagt machmal mehr und soll all das erzählen, was im ersten Teil zu kurz kam. Somit könnte man "Part One" und "Part Two" als Ganzes betrachten. Sie vervollständigen sich. Würde man Teil 2 nicht das höhere Budget ansehen, wären sie sogar stilistisch wie Zwillinge.

Eigentlich macht "Part II" vieles besser als Teil 1, nur fehlte mit dem Vorwissen dieser Reiz des Neuen. Während man sich bei "Hostel" nie sicher war, wohin die Reise wirklich geht und man mit derbem naturalistischen Splatter in den Sessel gepresst wurde, erlebt man die Geschehnisse des zweiten Teils eher aus einer distanzierteren Position, zwar schockieren die Folter-Exzesse immernoch, aber man fühlt sich seltener wie mit auf den Stuhl geschnallt.

Wertung: 7/10


"Hostel 2"
USA, 2007
Eli Roth
mit Laura German, Roger Bart, Heather Matarazzo


In Deutschland gibt es 2 DVD-Fassungen. Im Vergleich zur amerikanischen Unrated-Fassung fehlen in der Kinofassung mehr als 2 Minuten, beim Extended-Cut sind es lediglich 7 Sekunden. Während es die Kinofassung frei erhältlich und sogar auf Blu-Ray zu kaufen gibt, bekommt man den Extended-Cut nur unter der Ladentheke. Ich empfehle natürlich nur die US-Unrated-Fassung. Wer es in deutsch braucht, sollte natürlich zum Extended-Cut greifen. Genauere Infos über die Unterschiede der einzelnen Fassungen gibt es hier.


Mittwoch, 16. Juni 2010

TO LIVE AND DIE IN L.A.



Ein begabter Künstler verbrennt seine Bilder, weil er sie nicht für gut genug hält, obwohl viele etwas anderes sagen, für ihn sind sie es nicht. Er hört zwar auf "seine" Bilder zu malen, aber er hört nicht auf Künstler zu sein. Er sucht sich eine andere Herausforderung. Er fängt an Geld zu drucken, es nachzuahmen, zu imitieren, was weitaus schwieriger sein kann als "eigene" Bilder zu malen. Die perfekte Kopie als Kunstwerk. Ein lukratives Geschäft noch dazu und dennoch, wenn der Schwindel droht aufzufliegen, endet auch das im Feuer. Alles endet im Feuer!

Diese paar Zeilen charakterisieren einen faszinierenden Schurken, gespielt von Willem Dafoe, aus William Friedkins Polizei-Epos "To Live And Die In L.A.". Die relativ einfache Handlung über einen Cop, dessen Partner von einem Geldfälscher ermordet wird und deshalb Rache schwört, vergrößerte Friedkin mit der Kameralinse auf epische Ausmaße. Dieser Film lebt von seinen Fußnoten, Randgeschichten und Nebenfiguren, besonders von Willem Dafoe, ebenso von seinem Stadtbild und Zeitkolorit.

Los Angeles ist hier Dantes glühendes Inferno, eine Industrie- und Autobahnhölle. Keine romantischen Hollywood-Hills und verzierten Sunset-Boulevards mehr, sondern staubige, breite Straßen, flirrendes Rotlicht, Prostitution, Kunst, Drogen, Kriminalität vermengt in einem Konzentrat, was sich Leben nennt.

Dabei bleibt der Film eine Liebeserklärung an seine Stadt ohne sie zu glorifizieren. Friedkin zeigt L.A. so wie es war, ein anonymer, pumpender Moloch, in dem geliebt und getötet wird. Dazu lieferte Robby Müller die passenden dokumentarisch-anmutenden Bilder. Hitzflimmern bei Sonnenuntergang, wacklige Zoom-Aufnahmen von Elektrizitätswerken, jedes Bild scheint mit einem Maximum an Atmosphäre aufgeladen, als wäre die Luft wie Gelantine, als könnte alles im nächsten Moment vor Erschöpfung zusammenbrechen.

Die Handlung verläuft chronologisch ebenso einem Nullpunkt entgegen, ganz wie es sich für eine Tragödie um Rache, Verrat und Täuschung gehört, die nur zufällig im Cop-Millieu spielt. Schon von Anfang an, weiß man wie dieses Todesroulette endet.

Von der grandiosen Vorspann-Sequenz bis zum allesverschlingenden Feuer, zeigt der Film nichts anderes als eine tiefe Bewunderung für das Endliche, das Nicht-Absolute, das Nicht-Perfekte, das respektabel Menschliche.

Wertung: 8/10


"Leben und Sterben in L.A."
USA, 1985
William Friedkin
mit William Petersen, Willem Dafoe, John Turturro



Auf DVD & Blu-Ray in sehr guter Qualität, aber leider ohne Extras, erhältlich.


Montag, 14. Juni 2010

SPLICE



Natalis Familiedrama "Splice" ist ein Experiment (wie alle seine Filme). Äußerlich auf den Pfaden des Sci-Fi-Kinos wandelnd, kristallisiert sich mit zunehmender Filmdauer eine Vielzahl von Strömungen heraus und ähnlich wie bei Cronenberg werden diese unterschiedlichen Stimmungen nicht gegeneinander ausgespielt, sondern sie tragen zum Gesamt-Ton bei. So verwundert es nicht, dass "Splice" überhaupt gar keinen Bock darauf hat, sich auf sein Genre reduzieren zu lassen.

Adrien Brody und Sarah Polley passen chemisch sehr gut zusammen. Schon auf dem Papier hat Natali den beiden Hauptfiguren eine enormen Überbau an Motivationen, Hintergründen und Ambivalenz aufgeladen. Den beiden Charakterdarstellern wiederum gelingt es spielend leicht ihre Figuren vom Papier zu lösen und zum Leben zu erwecken. "Splice" funktioniert nur, weil Brody und Polley funktionieren. Anfangs gönnt sich der Film einen wohltuenden ironischen Unterton, garniert mit splattrigen Einlagen und nerdigen Witzen. Erst gegen Ende, verabschiedet sich Natali von allem Schmückenden und lässt nur noch seine Figuren stehen.

Vielleicht leidet "Splice" unter seiner heftigen Überkonstruiertheit, die nunmal zu einer Versuchsanordnung dazu gehört. Jedenfalls lässt Natali selten eine Möglichkeit zur Dramatisierung ungenutzt. Jede Andeutung wird auch eingelöst. Eine sexuelle Anspielung reicht nicht allein, sie muss eskalieren. Da leistet sich der Film Schwächen, nicht weil er seine Familientragödie bis zum Inzest zu Ende denkt, sondern eher, weil es vorhersehbar bleibt. Eine wirkliche Story-Wendung, die man im Genre erwartet, kann der Film nicht liefern. Selbst den Moment, wenn sich "Splice" zum waschechten Monsterfilm wandelt, hat der Zuschauer schon erwartet.

Es bleiben ganz andere Qualitäten, z.B. Delphine Chanéac. Sie spielt Dren, das Mischwesen, die hybride Schönheit. Ihr differenziertes Spiel sorgt für komische Gänsehaut. Mit glaubhaften kindlichen Zügen und einer tierischen Erotik bewegt sich Dren immer auf dem schmalen Grat zwischen Monster und Mensch, wobei man garnicht so recht sagen kann, welche ihrer Eigenschaften für was verantwortlich sind. In erster Linie wird klar, dass man das Monströse ebenso im Menschen finden kann, wie umgekehrt. Das trifft vielleicht auf das Elternpaar noch eher zu. Besonders Sarah Polleys Figur geht ganz eigene tragische Wege. Da zeigt der Film sogar größtes Feingefühl und man kann Natali nur dankend die Hand schütteln dafür, dass er das Kindheitstrauma der Mutter nicht an die große Glocke gehängt hat. Hier bleibt es mal bei ein paar Anspielungen, die dadurch noch viel stärker wirken.

Was macht uns zu einem guten Menschen? Unsere Erziehung oder unsere Gene? Ist Drens aufkeimende Aggresivität eine Ausprägung ihrer Gene oder liegt das eher an den repressiven Erziehungsmethoden der Nerd-Eltern? Inwieweit gibt die Mutter die Gewalt weiter? Was haben die sexuellen Spannungen zwischen Vater und Tochter damit zu tun. Stellenweise reift "Splice" bei diesen Fragen zu wahrer Größe, weil er eben auf gründliche Charaktere setzt, die die teils derbe Handlung zusammenhalten.
Die vielen negativen Kritiken kann ich stellenweise sogar nachvollziehen, aber jetzt mal ehrlich, deswegen eine schlechte Bewertung zu geben, da rebellieren meine Gene dann endgültig.

Wertung: 7,5/10


"Splice - Das Genexperiment"
USA, 2009
Vincenzo Natali
mit Adrien Brody, Sarah Polley, Delphine Chanéac


Nur im Kino!


A SINGLE MAN


Wenn Mode-Designer anfangen Filme zu drehen, dann muss die Oberfläche glänzen. Wer tiefer gehen will, sollte sich bei "A Single Man" auf Hindernisse einstellen.


Tom Ford fährt in seinem Regie-Debüt alle Gestaltungsmittel auf, die es gibt, aufwendige Kadragen, Zeitlupen, Shutter-Effekte, wohl komponierte Szenenbilder im Einklang mit schönen Kostümen. Die Kamera arbeit praktisch jede Brennweite mindestens einmal ab und der Einklang von Bild und Ton sucht die vollendete Note.
Es geht ums ganze, um den perfekten Film, wo jeder Frame nötig, wichtig und für sich sich selbst stehen kann, doch nur in der Bewegung sein wahres Gesicht offenbart.

Es ist das Streben des Designs perfekt zu sein. Die Kunst hat nicht diesen Anspruch, was nicht heißt, dass Design nicht auch Kunst ist.

Tom Ford, eigentlich Designer, sucht nun diese Form des Gleichgewichts im Film, er macht keinen Film, er designt ihn. Was Robert Wilson mit dem Theater macht, dass macht Tom Ford mit dem Film. Er ist nicht der erste, aber er kommt vom Fach, was einen genaueren Blick auf "A Single Man" spannend macht.

Ein ehemaliger Kino-Designer war der große Stanley Kubrick, dessen obsessiver Perfektionismus bis zum Schluss unbefriedigt blieb. "Ich wäre ja schon glücklich, wenn ich nur 50% von dem was ich mir vorstelle, realisieren könnte." soll Kubrick mal gesagt haben und das bringt es auf den Punkt. Es ist wie der klassische Kampf Don Quichottes gegen die Windmühlen, aber es ist nötig. Der Filmemacher muss gegen die Windmühlen kämpfen, sonst kommt kein guter Film dabei heraus.

Das hat Tom Ford verstanden und das setzt er auch mit beinah zersetzender Strenge durch, wodurch "A Single Man", gemein ausgedrückt, wie ein überlanger Gucci-Spot wirkt. Auf der anderen Seite beeindrucken die wirklich erstklassigen Leistungen der Schauspieler, wobei man sich fragen darf, wie Ford das gemacht hat oder eher wieviel er gemacht hat. Colin Firth erarbeitet sich mit seiner Darstellung eine Jahrhundertperformance und bringt es fertig mit einem Lächeln mir Tränen in die Augen zu treiben. Bei aller überstrapazierten Ästhetik funktioniert die emotionale Kommunikation also erstaunlich gut.

Ebenso wichtig wie herausragend für den Film ist der Einsatz seiner Requisiten. "A Single Man" ist ein ganz und gar materieller Film. Der Revolver ist genauso wichtig wie der Charakter, der ihn verwendet. Ohnehin liebe ich die schon fast ikonografische Einstellung, wenn eine Pistole aus einer Schublade hervorgeholt wird und "A Single Man" zelebriert dieses Bild. Sei es eine Zigarette, eine Krawatte, eine Flasche Gin oder ein flauschiger Pulli. Die Requisiten spielen mit den Schauspielern oder umgekehrt? Es ist schon fast spirituell, wie Tom Ford es schafft toten Objekten Leben einzuhauchen, sie anzuordenen und in Szene zu setzen. Das kann vielleicht nur ein Designer und selbst Kubrick verstand es nicht, z.B. der Axt in "Shining" mehr Sinn zu geben als der Plot benötigt.

Vielleicht lenkt "A Single Man" durch seinen Materialismus von der Handlung ab. Die Story erschien mir nachhinein doch recht fade und die politischen Ansätze wurden eher angerissen als ernst diskutiert. Selbst die visuelle Ästhetik hat sich Ford bei anderen Filmen abgeguckt. "A Single Man" ist letztendlich postmodern und selten originell, wie die heutige Mode. Allerdings schafft Tom Ford es Dinge zum Sprechen zu bringen, dass fehlte doch noch, oder?

Wertung: 6,5/10


"A Single Man"
USA, 2009
Tom Ford
mit Colin Firth, Julianne Moore, Nicholas Hoult


Nur im Kino!


VREDENS DAG



Nachdem Dreyer über 10 Jahre wieder als Journalist arbeiten musste, ohne einen einzigen Film zu drehen, bekam er Anfang der 40er endlich wieder die Chance.
Das historische Drama "Tag der Rache" ist eigentlich Dreyers erster Tonfilm, lässt man seinen letzten Film "Vampyr" (1932) außer Acht, der zwar schon als Tonfilm gilt, praktisch aber auf jeden Dialog verzichtet.

Eigenartig an "Tag der Rache" ist, dass Dreyer seine stilistischen Stärken eher missachetet. Anstatt den inhaltlich todernsten Film mit konstanter Vehemenz in statische Tableaus zu fassen, experimentiert der Film mit den Möglichkeiten von Kamerafahrten, die von Dreyers Seite aus für Lebendigkeit sorgen sollen, leider aber enorme Brüche erzeugen und wie eine schlechte Anlehnung an den damaligen Zeitgeist wirken. Dabei ist doch klar, dass Dreyer seiner Zeit stets vorraus war und wo die damalige Regie-Elite sich an Studiobauten, Kameratricks und aufwendiger Musik ergötzte, drehte Dreyer lieber seine Filme an echten Schauplätzen, in wenigen langen Einstellungen und verzichtete größenteils auf Musik. Zwar ist Dreyers Stilwillen immernoch zu sehen und begeistert besonders in den Innenraumszenen, die nur mit wenigen Schauspielbewegungen und Raumveränderungen funktionieren, dennoch merkt man die zittrige Hand des Filmemachers nach 10-jähriger Abstinenz.

Die Handlung von "Tag der Rache" ist reich an Ebenen und komplexen Charakteren. Anhand einer Pfarrersfamilie wird die europäische Hexenverfolgung bebildert, ohne jeglichen Eventcharakter. So verzichtet Dreyer auf sichtbare brüllende Mengen, die den Tod der Frauen herbeijubeln. Viel eher entpuppt sich dieses Massenmordphänomen als ein Ventil privater Dilemmata, familiärer Tragödien, die mit dem Scheiterhaufen enden. Wichtig ist nicht, wie die Frauen misshandelt wurden, sondern, wie sie überhaupt in diese Lage kamen.

Oftmals zeigen sich leider die Schwächen des Drehbuchs, was, einfach gesagt, viel zu geschwätzig ist. Es wundert, dass bei Dreyers Stummfilmvergangenheit, der Film sich doch so stark auf seine Worte verlässt. Obwohl es oftmals Momente gibt in denen diese Geschwätzigkeit zur Atmosphäre und Authenzität beitragen, spätestens in den Liebesszenen fühlte ich mich bei soviel ausgeplapperter Gefühlsduselei erschlagen.

Wertung: 6/10



"Tag der Rache"
DK, 1943
Carl Theodor Dreyer
mit Thorkild Roose, Lisbeth Movin, Preben Lerdorff Rye



Den Film gibt es in der mehr als hochwertigen "Carl Theodor Dreyer Box" des Arthaus-Verlags. Bild & Ton sind dem Alter entsprechend tadellos und ein paar Extras gibt es auch.

Donnerstag, 3. Juni 2010

KICK-ASS



Vom "Sternenwanderer", Matthew Vaughns schrägem Kitsch-Märchen, ist in "Kick-Ass" nicht mehr viel zu sehen, doch gibt es ähnliche Schwächen zu entdecken. Obwohl Vaughn ein Händchen dafür hat bekannte Genres aus ihren Angeln zu heben, sie gegen den Strich zu bürsten und nicht in Verlegenheit gerät große Vorbilder nachzuäffen -hätte man denn nach "Herr der Ringe" einen Film wie "Der Sternenwanderer" erwartet?- so fehlt es immer an der letzten Konsequenz, dem Willen den Weg, den man eingeschlagen hat, auch zu Ende zu gehen und bei "Kick-Ass" sieht man das wieder deutlich.

Dabei beweist der Film in seiner 1. Stunde, warum er das Zeug zum Kultfilm hat, warum er das bessere "Watchmen" ist und warum Comic-Verfilmungen Sinn machen. Denn mal ehrlich, obwohl die Motivation des Helden aus seinen Comics heraus geboren wurde, wirkt das im Jahre 2010, in Zeiten von unzähligen Comic-Verfilmungen, TV-Serien und Videospielen reichlich überholt. Wer heutzutage sich von Superhelden begeistern lassen will, braucht kein einziges Comic aufzuschlagen. Dementsprechend könnte unser Held auch genausogut über Filme zu seiner Leidenschaft gefunden haben, aber getreu der Vorlage und dem nostalgischen Charme eines Comicbuch-Shops erliegend, sehe ich darüber hinweg. Das ursprüngliche "Kick-Ass"-Comic kann ich mir allerdings unbewegt schlecht vorstellen. Bei einer Geschichte, die sich um Medien-Terror und Voyeurismus dreht, eignet sich ein solch introspektives Medium, wie das Comic eher nicht. Ein Comic-Zeichner erschafft seine Welt mit Papier und Bleistift, aus sich heraus, da gibt es nichts voyeuristisches. Eine Kamera dagegen kann nur das filmen, was man ihr vorsetzt. Deshalb war es an der Zeit, dass "Kick-Ass" verfilmt wird, nicht als bewegtes Comic, aber als Comic-artiger Film.

Das hat Vaughn alles mit Bravour geleistet. Die vereinzelten Text-Boxen lassen das Nerd-Herz höher schlagen. Seine Exposition ist gezielt und scharf und mit genügend Verve stürzt sich Kick-Ass in die erste Metzelei.
Einem Mainstream-Film im Teenie-Milieu, garniert mit Litern würzigem Blut, fällt es leicht anzuecken. Schließlich nutzt Vaughn die Gewalt in "Kick-Ass" als Überraschungsmoment, wobei man sich schnell auf den Schlips getreten fühlt und laut "Gewaltverherrlichung!" brüllt. Dämlich! Gewaltverherrlichung funktioniert nur, wenn Gewalt positiv gezeichnet ist. In "Kick-Ass" hat die Gewalt bei aller Ästhetik und Cleverness aber immer dieses schockierende im Kern. Wenn Hit-Girl das erste Mal aufräumt, fragt sich doch jeder: "Geht das nicht ein bisschen zu weit?" Wenn man dann lacht, wirkt das wie ein "Ist ja nur Film...", mindert das aber die reale Gewalt? Nein!

Einen klaren Standpunkt erlaubt sich der Film im Bezug auf Voyeurismus. Wir sehen Gewalt, wir tun nichts dagegen. Gegen die Grausamkeiten auf der Leinwand können wir nichts ausrichten. Kino ist passiv. So ist es sinnlos, darüber zu spekulieren, warum es nötig ist Gewalt abzubilden, aber gleichzeitig zu verurteilen. Gerade die doppelten Böden machen "Kick-Ass" ja so spannend, das Schauen und das Wegschauen. Im Kino ist alles möglich.

Ein bisschen mehr Realismus hätte den Action-Sequenzen vielleicht gut getan. Macht es Sinn über eine Welt ohne Superhelden zu erzählen und gleichzeitig die Figuren übermenschliches vollbringen zu lassen? Gerade da zeigte sich die Vaughn-typische Unentschlossenheit. Will ich eine Dekonstruktion oder hyperreale Comic-Action, wie es sie schon x-mal vorher gab?

In Anbetracht der enormen Tiefe, die "Kick-Ass" als Hollywood-Film bietet, wirken die wenigen Anmerkungen von mir ein bisschen wie Meckern auf hohem Niveau und ich würde darüber auch gerne hinweg sehen, wenn die 2. Stunde nicht gewesen wäre.
Trotz brachialer und feuriger Unterhaltung, schlägt der Film eine Richtung ein, die wie ein Kniefall vor dem Mainstream wirkt. Anstatt die anfängliche Teenie-Komödie immer weiter zu zerlegen, bis der Film sich als die Tragödie entpuppt, die er sein sollte, verfällt "Kick-Ass" in bekannte Plot-Strukturen und arbeitet mit den gleichen Tricks wie alle anderen Comic-Verfilmungen auch, dazu gibt es die typische "Rettung-in-letzter-Sekunde", nachfolgend vom Happy-End, bis zum Türspalt der offen bleibt um ein Sequel durchzulassen. Alle Komplexität verfliegt für einen simplen Kampf von Gut gegen Böse. Interessante Figuren wie Big Daddy oder Hit-Girl verkommen zu Plot-Marionetten und Kick-Ass hat zum Ende eh keine tragende Rolle mehr.

Matthew Vaugh hat versucht mit aller Wut das Genre zu zerstören, doch irgendwie hat er es sich auf der Hälfte der Strecke anders überlegt. Schade, so bleibt "Kick-Ass" ein sehenswertes Spektakel unter einem Haufen von bewegten Comics.

Wertung: 7/10


"Kick-Ass"
USA, 2010
Matthew Vaughn
mit Aaron Johnson, Chloe Moretz, Nicolas Cage


Nur im Kino!